Thema des Monats

Wohnen mit der Wahlverwandtschaft

Vor zehn Jahren sind in Nürnberg 70 Seniorinnen und Senioren mit zehn alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern in ein Haus gezogen. Welche Höhen und Tiefen Alt und Jung im Projekt Mehrgenerationen durchleben, erzählen Silvia Dahlkamp (Text) und Gerd Grimm (Fotos).

Es ist die Sache, über die keiner im Haus gern spricht. Obwohl jeder weiß, was passiert ist. Am Tag, an dem die Zeitung nicht kam. Gora (77) wollte sie zum Frühstück lesen. Er öffnete die Wohnungstür, um die Zeitung aufzuheben, so wie jeden Tag. Doch da war nichts. Kein Sportteil, auch nicht die Beilage mit den Sonderangeboten. Was war nur mit Elfriede (85) los? Sie wohnten im selben Haus, teilten sich seit Jahren die „Nürnberger Nachrichten“. Erst las sie, dann las er. Auf Goras Tisch dampfte schon der Kaffee, daneben lag das Marmeladenbrot. Doch Gora war der Appetit vergangen. Er griff zum Telefon, wählte Elfriedes Nummer – die nahm nicht ab.

Das sind die Momente, in denen sich der Magen zusammenkrampft. In denen man nicht in den Aufzug steigen und in den dritten Stock hochfahren will. Man will auch nicht an die Tür klopfen und rufen: „Elfriede?!“ Gora hat geklopft. Gora hat gerufen. Er hat keine Antwort bekommen. Schließlich hat er die Zeitung entdeckt, draußen im Briefkasten, unberührt. Da hat der Rentner die Nachbarn geholt. Gemeinsam haben sie die Tür aufgeschlossen, einer hatte einen Schlüssel. Denn das ist so abgemacht – in ihrer Gemeinschaft.

Am Ende ist es glimpflich ausgegangen. Elfriede war nur beim Hausarzt gewesen. Der hatte sie mit einer Thrombose im Bein direkt in ein Krankenhaus eingewiesen. Alles ging so schnell, dass sie ihren Nachbarn nicht Bescheid sagen konnte.

Generationenhäuser stehen im Koalitionsvertrag.

Die Erinnerung an jenen Morgen sitzt noch tief, im Wohnprojekt „Anders Wohnen“, einem gelbgetünchten Haus hinter dem Nürnberger Hauptbahnhof, in dem 70 Seniorinnen und Senioren und zehn alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern leben. Als sie vor zehn Jahren ihre Umzugskisten in den Neubau schleppten, sprach das Bundesfamilienministerium von einem „gelungenen Beispiel, um den demographischen Wandel als Chance zu gestalten“. Heute sind Generationenhäuser im Vertrag der Großen Koalition verankert.

Rund 725 Projekte gibt es in Deutschland, Tendenz steigend, ermittelte das Wohnprojekte-Portal der Stiftung Trias vor drei Jahren. Bund und Länder fördern Wohnwelten mit Vorbildcharakter: In Nürnberg flossen 1,1 Millionen Euro aus der öffentlichen Hand. Die Hoffnung der Politiker: Möglichst viele Menschen sollen im Alter möglichst lange zu Hause bleiben können. Die Frage ist nur: Wer will und kann überhaupt in und mit den Regeln einer Kommune leben?

Über 50 Prozent aller Deutschen können sich das vorstellen, hat die Studie einer Bausparkasse ergeben. Doch allein der Wunsch ist noch keine Garantie für Frieden. Die Bewohner in Nürnberg wissen das. Sie sind oft an ihre Grenzen gekommen, haben heftig gestritten. Es gab Tage, da war die Atmosphäre im Haus so schlimm, dass niemand geglaubt hat, dass es noch schlimmer kommen kann. Das war, bevor sie zum ersten Mal vor einer geschlossenen Tür gestanden haben, wie bei Elfriede.

Eine Kita ist Teil des Konzepts.

Drei Monate später, im Anders-Wohnen-Projekt. Es ist ein dösig-heißer Tag, die Sonne scheint hell in die Flure, die sich im Halbrund um ein Atrium ziehen. In Fensternischen blühen Geranien und Petunien. Vor Türen grüßen Fußmatten: Hello, Welcome, Ciao. Durch offene Bögen kann man Gora sehen, der mit seiner Frau Annelies (73) auf dem Balkon im ersten Stock sitzt und Zeitung liest. Genauso hat es der Architekt geplant. Dass man sich begegnet und Hallo sagt.

Zwischen Schaukeln und Rutschen im Innenhof kicken Jungs einen Ball. Auch die Kindertagesstätte im Erdgeschoss ist Teil des Konzeptes. „Sie ist der Grund, warum wir hier eingezogen sind“, sagt Annelies, eine gelernte Erzieherin. Als ein Freund ihnen vor zehn Jahren erzählt hat, dass nur noch zwei Wohnungen frei sind, hat das Ehepaar eine Nacht darüber geschlafen und dann entschieden: „Das machen wir.“ Wegen der Kinder. Und weil sie etwas Sinnvolles tun wollten. Aber auch, damit keiner alleine zurückbleibt, wenn einer von ihnen mal geht.

Der Ball landet auf dem Balkon. Gora wirft ihn zurück. Die Kinder rufen: „Seid ihr alte Menschen?“ Die Alten lachen. Gora hatte vor einigen Jahren einen Schlaganfall, seitdem fällt ihm das Sprechen schwer. Deshalb antwortet Annelies: „Ja, fast 100 Jahre alt, und wie alt seid ihr?“ Aldin, Jonas und Karam heben vier schmutzige Finger. Sie kennen die Oma mit dem Gehwagen. Am Morgen hat sie ihnen die Geschichte vom blauen Elefanten vorgelesen, der traurig ist, weil er keine Freunde findet. Anschließend haben sie für den Dickhäuter Freunde auf Papier gemalt. Manche sehen aus wie Eier auf vier Stelzen mit Schwanz.

Kommunen müssen Angebote für das Miteinander schaffen.

Kinder und Senioren – das ist eine seltene Kombination in Deutschland, wo kein Kindergeschrei den Ruhestand stören soll. „Unsere Kinder lernen, dass auch Alte, Schwache und Kranke zur Gesellschaft gehören und sie sogar bereichern“, sagt Kinderpflegerin Susanne Full (43). 62 Mädchen und Jungen bis zu sechs Jahren toben hier. Fast ebenso viele Senioren wohnen über ihnen, mit Wohnzimmern zum Spielplatz im Atrium.

Ein Gleichgewicht, das es in der Bevölkerung so nicht gibt. Schon bereiten sich 6,6 Millionen Babyboomer auf die Rente vor. Spätestens in zwölf Jahren werden in Deutschland 22 Millionen Menschen 65 Jahre und älter sein – ein Drittel der Bevölkerung. Die meisten wollen in ihrer vertrauten Umgebung bleiben – frei und selbstbestimmt, sagt der 7. Altenbericht der Bundesregierung.

Doch wie soll das gehen? Es fehlen Millionen altersgerechte Wohnungen. In den Städten steigen die Mieten, und auf dem Land brechen gewachsene Strukturen weg: Arztpraxen und Supermärkte schließen, das Vereinsleben stirbt. „Kommunen müssen Angebote für soziales Miteinander schaffen, zukunftsfähige Gemeinschaften sichern und aufbauen“, fordern Alternsforscher im jüngsten Report zur Lage der älteren Generation.

Spätestens in zwölf Jahren werden in Deutschland 22 Millionen Menschen 65 Jahre und älter sein – ein Drittel der Bevölkerung.

Unten jagen die Jungs jetzt die Mädchen. Die kreischen so laut, dass es in den Ohren weh tut. Gora blickt nicht einmal von seiner Zeitung hoch. Auch Annelies spricht einfach weiter: „Ich hatte keine hochgeschraubten Erwartungen, habe gedacht, es kommt wie es kommt.“ Sie hat Multiple Sklerose. Als sie eingezogen sind, war nur der rechte Fuß steif. Fast jeden Morgen ist sie um 5.30 Uhr aufgestanden, weil die alleinerziehende Nachbarin Hilfe brauchte. Vanessa (35) arbeitete als Altenpflegerin. Wenn sie zur Frühschicht ging, hat Annelies übernommen: bis sieben Uhr auf dem Sofa gedöst, dann Kiana (3) und Alisa (5) geweckt, Brote geschmiert. Anschließend hat Mitbewohnerin Monika die Mädchen in den Kindergarten gebracht.

Beziehungen auf Zeit.

Teamwork, einer hilft dem anderen: Monika (71) wohnt auch im Haus. Sie ist Witwe, hat lange überlegt, ob sie den Sprung wagen soll – raus aus der 200-Quadratmeter-Wohnung, weg mit all den Andenken aus 35 Jahren Ehe, dem verschnörkelten Schrank mit Löwenkopf, dem massiven Schreibtisch mit passendem Vertiko, den alten ... Ihre Tochter hat gesagt: „Mama, du musst aus dem Museum raus.“ Aber Monika hat noch zwei Jahre weiter geputzt und gewienert, so als könne sie damit Erinnerungen konservieren. Doch Politur wischt keine Einsamkeit weg. Heute sagt sie sagt: „Fast wäre ich selber verstaubt.“ Deshalb hat sie noch einmal entrümpelt: nicht nur die Wohnung, auch ihr Leben. Mit 62 Jahren war sie bei Einzug eine der jüngsten Alten im Anders-Wohnen-Haus.

Hat sie ein neues Zuhause gefunden? Neun Jahr später sitzt die Rentnerin an ihrem Esstisch zwischen moderner Küche und Wohnzimmer mit Designerlampen. Die Frage ist nicht leicht. Schließlich sagt sie: „Hier bin ich weniger allein, habe aber auch gelernt zu schweigen. Denn anders als in einer Familie kann man hier nicht alles sagen.“

Auf dem Sofa liegen Kissen ordentlich aufgeschüttelt in Reih und Glied. Hier haben Kiana und Alisa getobt, wenn der Kindergarten zu Ende war. Manchmal sind sie zu dritt eingeschlafen. „Wie Oma und Enkel“, sagt die Rentnerin. Vorbei. Nach einem Jahr sind die Mädchen mit ihrer Mutter in eine andere Stadt gezogen. Beziehungen auf Zeit. Monika will nicht klagen. „Viele Mütter aus dem Haus haben inzwischen neue Partner gefunden.“ Sie kann das verstehen: „So ist das Leben.“ Es geht weiter und immer weiter. Die Senioren sind geblieben, einige sind schon gestorben. Monika betreut heute keine Kinder mehr und nennt dafür viele Gründe: „Das Alter.“ „Der Rücken.“ „Die Nerven.“ Doch vor allem: „Jeder Abschied tut so schrecklich weh.“

Ein Traum bekommt Risse.

Der Traum vom Mehrgenerationenleben – als Vanessa und die Mädchen gingen, bekam er erste Risse. So sollte es nicht sein. Sie wollten doch eine moderne Großfamilie werden. Nicht im klassischen Sinn: Oma, Opa, Papa, Mama und die Kleinen. Sondern Wahlverwandte in einem Haus, in dem jeder jedem hilft, für den anderen da ist.

So sind sie auch gestartet: alleinerziehende Mütter, Kinder und Senioren. Alle zusammen suchen Bodenbeläge aus, treffen sich auf dem Spielplatz, so ist es auf einem Video zu sehen. Die Kinder lachen. Die Mütter lachen. Die Rentner lachen. Damals haben die jungen Alten gedacht, dass die Jungen die Alten unterstützen werden – später, wenn die Selbstständigkeit geht und die Einsamkeit kommt. An Auszug hat beim Einzug niemand gedacht.


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Würden Sie in ein Mehrgenerationenhaus einziehen?


Unten ruft die Kindergärtnerin die Kinder. Mittagspause. Aldin, Jonas und Karam stürzen ins Haus, denn nicht alle Bewohner im Haus haben so viel Geduld wie Gora und Annelies. Zwischen 12 und 13.30 Uhr kann es passieren, dass einer laut nach unten brüllt: Ruhe! Dabei ist doch die Ruhe des Alleinseins gerade das, wovor sich die meisten Menschen im Alter am meisten fürchten.

Schon heute leben 45 Prozent aller älteren Menschen allein, hat das Max-Planck-Institut in Halle ermittelt. Die Wissenschaftler rechnen damit, dass die Zahl weiter steigen wird, weil ein Trend nicht aufzuhalten ist: Die Jugend zieht vom Land in die Städte, wo es Arbeit gibt. Heute können sich noch fast Zweidrittel aller Pflegebedürftigen auf die Unterstützung durch Angehörige verlassen. Doch wer wird das übernehmen, wenn Hunderte Kilometer zwischen ihnen liegen?

Das Haus ist barrierefrei.

Mehr Pflegekräfte müssen her. Doch damit der Beruf attraktiver wird, müssen auch die Arbeitsbedingungen besser werden, muss mehr bezahlt werden. Deshalb tritt im Januar das Pflegepersonalstärkungsgesetz in Kraft. Bis 2020 sollen 13.000 zusätzliche Stellen in Heimen geschaffen werden, so der Plan von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

„Nutzlos, abgeschoben, ruhiggestellt“, fällt Gora und seiner Frau Annelies dazu nur ein. Ihre zwei Söhne, vier Enkel und der Urenkel stehen gerahmt auf dem Bücherregal, damit sie ganz nah sind, auch wenn sie nicht da sind. Das Paar ist sich einig: „Wir können nicht verlangen, dass die Kinder uns mal pflegen.“ Aber ein Heim? Da kommen viele Vorurteile hoch.

Würden sie nicht hier wohnen, müssten sie dennoch überlegen: Vielleicht doch eine Alten-Residenz? Gora faltet die Zeitung zusammen. Am Sonntag ist Kinoabend. Er gehört zum Technikteam, muss noch den Beamer aufbauen. Annelies bleibt sitzen. Sie hatte in den vergangenen Jahren viele Multiple-Sklerose-Schübe. Gora muss sie immer häufiger im Rollstuhl schieben.

Das Paar ist seit 53 Jahren verheiratet, will in sieben Jahren Diamantene Hochzeit feiern. Die Chancen stehen gut. Im Haus gibt es einen Aufzug, breite Türen, ein behindertengerechtes Bad, Handläufe an den Treppen. Und wenn sie mal Hilfe brauchen sollten – beim Waschen oder Putzen –, kann ein Pflegedienst kommen. Sie wären nicht die ersten im Haus.

Doch im Moment gibt es wichtigere Themen: Der Metzger am Aufsetzplatz gibt auf. Das Gerücht macht die Runde. Irene (76), zwei Stockwerke über ihnen, hat es beim AWO-Nachbarschaftskaffee erfahren. Alle im Haus sind sich einig: eine Katastrophe! Erst vor einem Jahr hat der Kaufhof geschlossen, unten war ein Supermarkt. Das war ein harter Schlag. Wo sollen sie künftig ihr Fleisch kaufen?

Die Infrastruktur war schließlich auch ein Argument, warum viele an den Karl-Bröger-Platz in die Innenstadt gezogen sind. Nur 350 Meter zum Metzger. Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt. Auf dem Rückweg eine Pause im Stehcafé. Brot gibt es beim Bäcker, der direkt neben dem Kindergarten im eigenen Haus liegt. Darüber 44 Wohnungen, barrierefrei, einige öffentlich gefördert, andere frei finanziert nach dem Genossenschaftsprinzip: Es gibt Gemeinschaftsküchen und Räume der Begegnung. Mitglieder können einziehen, wenn sie Anteile erwerben – 24.000 Euro für 60 Quadratmeter. Dafür zahlen sie nur 550 Euro Miete, kalt.

Wenige Senioren wagen den Schritt in ein Wohnprojekt.

Am vergangenen Wochenende haben alle zusammen gegrillt. Am Sonntag ist Kinoabend, Gretel organisiert gerade eine Bläsertruppe für ein Fest auf der Dachterrasse. Es gibt einen Lesekreis, eine Handarbeitsgruppe, Gymnastikstunden in der Nachbarschaft und Public Viewing zu Fußball-Ereignissen. Ein Idyll, ein Ideal – sollte man meinen.

Und dennoch: Laut Statistischem Bundesamt wagt nur ein Prozent aller Rentner den Schritt in ein anderes Leben, wie zum Beispiel Anders Wohnen. Der Grund: Zusammenleben bedeutet auch zusammen streiten. „Man muss Grenzen setzen, Kompromisse suchen“, sagt Psychologe Uwe Kleinemas, Alternsforscher an der Universität Bonn: „Viele Menschen schweigen lange und tun, als wäre nichts. Derweil köchelt der Konflikt weiter. Und wenn sich eines Tages die ganze Wut entlädt, wird womöglich das ganze Konzept infrage gestellt.“

Im Mehrgenerationen-Wohnprojekt in Nürnberg dauerte es genau 18 Monate, bis auf die Euphorie eine Ernüchterung folgte. Bei einer Mitgliederversammlung kam es zum Eklat. Es ging nicht um die Flusen im Trockner oder Inliner im Flur – Streit, der aufwallt, aber auch wieder herunterkocht. Es ging um viel Geld.

Die Idealisten im Haus wollten weitere Häuser bauen und brauchten Mieten und Einlagen als Sicherheit. Die Realisten argumentierten: Wir sollten zunächst die Schulden abbezahlen. Risiko gegen Vorsicht. Wenn so viele unterschiedliche Charaktere zusammenprallen, kann die Situation schnell entgleisen. Irgendwann lagen die Nerven blank: Alle haben sich angeschrien und beleidigt. Es gab einen Vergleich vor Gericht. Eine Mediatorin hat geschlichtet.

Land stellt Fördermittel bereit.

Passen wir wirklich zusammen? Können die einen erfüllen, was die anderen erwarten? „Bei einer Gemeinschaft ist es wie in einer Ehe. Man muss sich immer wieder zusammenraufen“, sagt Sabine Wenng von der Koordinationsstelle „Wohnen im Alter“. Damit der Start gelingt, können Wohngruppen beim Land Bayern 40.000 Euro für einen Moderator beantragen. Doch der sollte besser nicht selbst im Hause wohnen. Wenng: „Damit kein Nachbar dem anderen unterstellt, dass er nur sein eigenes Ding durchziehen will.“

Streit, Wut, Verzweiflung – aber auch Versöhnung, Hoffnung und Glück. Sie haben es geschafft. In einigen Monaten feiert das Mehrgenerationen-Wohnprojekt Anders Wohnen seinen ersten runden Geburtstag: Zehn Jahre. „Natürlich gibt es eine Party“, sagt Mandy Fuhrmann (39). Dabei ist ihr gar nicht zum Feiern zumute. Sie ist eine von drei Vorständen im Haus, die einzige, die angestellt ist. Gerade hat sie zwei Trauerkarten ans schwarze Brett im Hausflur gepinnt. Jetzt sitzt sie im Panoramazimmer mit Blick über Nürnberg und hat kein Auge dafür: „In der nächsten Woche sind die Beerdigungen. Wir sind alle fix und fertig.“

Fuhrmann kontrolliert die Mieteinnahmen, überweist Rechnungen, bestellt Handwerker, bereitet Versammlungen vor. Doch in letzter Zeit kommen andere Aufgaben dazu. Erst gestern musste sie eine Tochter einer Mieterin anrufen und ihr vorsichtig erklären: „Ihre Mutter lagert Zahnpasta im Kühlschrank und Marmelade im Kleiderschrank.“ Allen im Haus ist klar, was das bedeutet. „Wir können keine Rundumbetreuung leisten“, hat Fuhrmann deshalb gesagt. Wer dement wird oder viel Pflege braucht, muss ins Heim.

Generationenwandel im Generationenhaus.

So haben die Mitglieder das beschlossen, auf einer ihrer Sitzungen, genau in diesem Raum. An der Wand stehen gestapelte Stühle, Tische und Flipcharts. Firmen organisieren hier oft Seminare. „Wir brauchen das Geld, um uns zu finanzieren“, sagt Fuhrmann. Die Einnahmen und Ausgaben sind jedes Jahr ein wichtiger Punkt auf der Generalversammlung. Diesmal steht noch ein anderes heikles Thema auf der Tagesordnung: Das Generationenhaus steckt mitten in einem Generationenwandel. Fuhrmann: „Viele Bewohner sind 80 plus. Wir müssen die Altersstruktur aufpimpen, damit das Projekt eine Zukunft hat.“

Die hat im zweiten Stock schon begonnen. Das sieht man an den neuen Namensschildern an den Klingelknöpfen. Wer früher hier gewohnt hat? „Keine Ahnung.“ Güleryüz Zübeyde (47) hat den Namen ihres Vormieters entsorgt. Drei Zimmer, Küche, Bad. Sie hat einen Luftsprung gemacht, als die Zusage kam. Morgen baut die alleinerziehende Mutter mit Reyhan (12) und Zeynep (14) die letzten Schränke auf. Sie strahlt: „Schon das Gefühl, dass die Kinder künftig nicht mehr alleine sind, macht mich glücklich.“ Sie arbeitet als Kundenbetreuerin bei einer Versicherung, muss morgens früh aus dem Haus. Frida, die Nachbarin (72), hat angeboten, dass die Mädchen nach der Schule vorbeikommen können.

Das Schwarze Brett als Kompromiss.

Also alles zurück auf Start? Irgendwie ja, und doch nicht, denn die Zeit bleibt nicht stehen. Bei Mandy Fuhrmann klingelt das Telefon. Gora ist dran. Sein Fernseher rieselt. Auch andere haben sich schon beschwert. Fuhrmann erklärt: „Der Kabelanbieter hat auf Digital umgestellt.“ Viele Senioren verstehen nicht, was das bedeutet.

Mandy Fuhrmann seufzt: „Noch ein Thema, das für Streit sorgt.“ Denn die neuen Medien haben das Miteinander verändert. Die Mütter schreiben Nachrichten per WhatsApp, die Senioren fühlen sich außen vor. Viele haben nicht einmal ein Smartphone. Es knirscht gerade gewaltig in der Kommunikation.

Doch jetzt muss sie sich erst einmal um die Fernseher kümmern. Es ist Freitag und ein ganzes Wochenende ohne Empfang findet niemand lustig – weder Alt noch Jung. Fuhrmann stürmt aus dem Raum. In der Hand hält sie einen Infozettel: „Ihr müsst einen Receiver anschließen.“ Den heftet sie ans schwarze Brett im Flur. Da kommen alle vorbei. Jeder kann ihn lesen: Senioren, Mütter, Kinder. – Ein Kompromiss.

Silvia Dahlkamp schreibt als freie Autorin für verschiedene Print- und Online-Medien über gesellschafts- und gesundheitspolitische Themen.
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