Bei über 30 Grad Celsius fällt nicht nur das Denken schwer. Auch können sich Krankheiten beispielsweise des Herz-Kreislaufsystems verschlimmern.
Prävention

Mit kühlem Kopf gegen Hitzewellen

Zunehmend heiße Sommer bedrohen nicht nur die Natur, sondern auch die Gesundheit der Menschen. Besonders Ältere und Vorerkrankte profitieren von Hitzeaktionsplänen. Deutschland sollte diese deshalb zügig umsetzen, meint Dr. Eva Franziska Matthies-Wiesler.

Tropennächte mit Temperaturen

über 20 Grad Celsius, Tageshöchstwerte von mehr als 40 Grad Celsius, wochenlange Dürre, Sonne satt – die Sommer 2018 und 2019 haben Deutschland neue Hitzerekorde beschert. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) berichtet in seinem aktuellen Nationalen Klimareport, dass Hitzewellen durch den Klimawandel wahrscheinlicher und in ihrer Intensität zunehmen werden, auch in Deutschland. „Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes, des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zeigen, dass die Sommer in allen Regionen und in allen Höhenlagen deutlich heißer geworden sind. Was früher ein extrem heißer Sommer war, ist heute ein durchschnittlicher Sommer“, meldete der DWD Mitte Juli.

Hohe Temperaturen und Hitzewellen können im Sommer für viele Menschen gesundheitliche Beeinträchtigungen mit sich bringen. Besonders anfällig sind ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen, Erkrankungen der Niere oder psychische Erkrankungen sowie jüngere Kinder und alle Menschen, die im Freien arbeiten. Hitzewellen wirken sich besonders in Städten auf die Gesundheit der Bevölkerung aus. Eine Ursache dafür ist, dass es dort in den Nächten weniger abkühlt als auf dem Land. Das belastet Herz und Kreislauf.

Hitze fordert Todesopfer.

Nach Projektionen des Robert Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2010 werden im Zeitraum 2071 bis 2100 jährlich 5.000 bis 8.000 zusätzliche hitzebedingte Todesfälle erwartet. Doch auch gegenwärtig zeigt sich bereits eine temperaturabhängig höhere Sterblichkeit: Laut RKI sind 2018 beispielsweise in Berlin etwa 490 und in Hessen 740 Menschen hitzebedingt verstorben. Die durchschnittliche Mortalität während einer Hitzewelle ist um acht bis zwölf Prozent gestiegen.

Die Nachfrage nach Informationen zu Hitze und Gesundheitsschutz ist groß.

Hitze kann Krämpfe und Erschöpfung auslösen und zum lebensbedroh­lichen Hitzschlag führen. Außerdem können sich Vorerkrankungen verschlimmern. Hitzestress und hohe bodennahe Ozonkonzentrationen während Hitzewellen können schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Neuere Forschungen am Helmholtz Zentrum München in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München, dem Universitätsklinikum Augsburg und dem Krankenhaus Nördlingen zeigen, dass das Risiko für Herzinfarkte mit höheren Temperaturen zunimmt.

Acht Kernelemente im Aktionsplan.

Gut durchdachte Anpassungs- und Vorsorgemaßnahmen können die gesundheitsschädlichen Auswirkungen von Hitze vor allem in den vulnerablen Bevölkerungsgruppen weitgehend vermeiden helfen. Dazu gehören Verhaltenshinweise für die Bevölkerung, Ärzte und Pflegeeinrichtungen, Hitzewarnungen des Wetterdienstes sowie städteplanerische und bauliche Konzepte. All dies sollte in einem Hitzeaktionsplan zum Schutz der Gesundheit zusammengeführt werden. Ein solcher Hitzeaktionsplan formuliert den Handlungsbedarf und gibt vor, auf welcher Ebene und von welchen Institutionen welche Konzepte zu koordinieren und umzusetzen sind. Verhaltens- und Verhältnisprävention, um die Hitze- und die UV-Exposition zu reduzieren, umfassen sowohl kurzfristige und zielgruppenspezifische Aufklärung als auch langfristige Maßnahmen, zum Beispiel in der Stadtplanung.

Ein Hitzeaktionsplan enthält acht Kernelemente: Zentrale Koordinierung und interdisziplinäre Zusammenarbeit, Nutzung eines Hitzewarnsystems, Information und Kommunikation, Reduzierung von Hitze in Innenräumen, besondere Beachtung von Risikogruppen, Vorbereitung der Gesundheits- und Sozialsysteme, langfristige Stadtplanung und Bauwesen sowie Monitoring und Evaluierung.
 
Mit der Prognose zum Klimawandel sind die regionale und lokale Ausarbeitung und die Umsetzung von Hitzeaktionsplänen dringend angezeigt. Entsprechende Handlungsempfehlungen hat das Bundesumweltministerium 2017 veröffentlicht. Diese sind aber bisher nur teilweise, beispielsweise in Hessen oder der Stadt Erfurt, aber nicht systematisch auf regionaler und kommunaler Ebene umgesetzt worden.

Das rasch zu ändern, ist eine zentrale Empfehlung des Lancet Countdown Policy Briefs für Deutschland. Mit diesem Strategiepapier hat sich der „Lancet Countdown on health and climate change“ 2019 zusammen mit der Deutschen Ärztekammer und einer Reihe wissenschaftlicher Institutionen an die nationalen Entscheidungsträger gerichtet. Für die Umsetzung müssen Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Kommunen und Sozialeinrichtungen eingebunden werden.

Covid-19 berücksichtigen.

Bei der Formulierung von Gesundheitshinweisen zur Prävention hitzebedingter Gesundheitsschäden gilt es, gleichzeitig dem SARS-CoV-2-Infektionsrisiko Rechnung zu tragen. Die Risikogruppen für hitzebedingte Gesundheitsauswirkungen und für schwere Verläufe einer Covid-19-Erkrankung überschneiden sich weitgehend. Zudem sind bei Hitzeschutz-Maßnahmen die Regeln des Infektionsschutzes zu berücksichtigen. Eine doppelte Welle von Covid-19- und von Hitze-Patienten kann Kliniken und Pflegeeinrichtungen an den Rand ihrer Kapazitäten bringen.

Experten vom Helmholtz Zentrum München, dem Universitätsklinikum Heidelberg und der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) haben vier Informationsblätter für diese besondere Herausforderung zusammengestellt, die online zur Verfügung stehen. Sie liefern Hinweise für besonders betroffene Bevölkerungsgruppen, für Ärzte, für Pflegeheime und für medizinisches Personal, das bei großer Hitze in Schutzausrüstung arbeiten musste.

  • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU): Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit. Bonn, 2017. Download
  • Umweltbundesamt: Der Hitzeknigge. Über das richtige Verhalten bei Hitze. Download
  • Informationsbroschüren zu Hitze- und Infektionsschutz, LMU, Klinikum München

Die Nachfrage nach Broschüren und Webseminaren zu Hitze und Gesundheitsschutz ist groß. Im Vordergrund stehen dabei Fragen zum Schutz von älteren, vulnerablen Menschen und der Organisation von Hilfsangeboten und Netzwerken, zum Schutz von medizinischem Personal in Praxen, Kliniken und Pflegeheimen als auch zu CO2-freien oder -armen baulichen Möglichkeiten zur Kühlung von Gebäuden und zur städteplanerischen Gestaltung von öffentlichen Räumen.
 
Ohne implementierte Hitzeaktionspläne ist es jedoch schwer, die gefährdeten Bevölkerungsgruppen, aber auch Hausärzte und Pflegeeinrichtungen mit Empfehlungen und Informationsmaterialien zu erreichen. Ein Hitzeaktionsplan enthält eine Kommunikationsstrategie, in der zum Beispiel Beratungsgespräche mit Risikopatienten durch die Hausärzte, begleitet von entsprechendem Informationsmaterial, und Schulungen von medizinischem Personal einen wichtigen Stellenwert einnehmen können.

Landespolitik muss Weichen stellen.

Für die systematische Umsetzung von Hitzeaktionsplänen auf regionaler und kommunaler Ebene und in Gesundheitseinrichtungen muss es entsprechende landespolitische Beschlüsse geben. Um die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze und die Wirksamkeit der Prävention zu beobachten, wäre eine bundesweite Erfassung der hitzebedingten Sterblichkeit, beispielsweise über die Landesgesundheitsämter, wünschenswert. Außerdem ist eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit für eine kurz-, mittel- und langfristige Vorsorge unerlässlich. Dabei geht es nicht nur darum, sich dem Klimawandel anzupassen, sondern auch um den Klimaschutz.
 
International liegt Deutschland beim Hitzeschutz zurück. Eine Analyse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt, dass bis zum Jahr 2014 in Europa insgesamt 18 Länder Hitzeaktionspläne aufgesetzt hatten. So hatten beispielsweise Italien, Frankreich, England, die Niederlande und Portugal die 2008 vom europäischen Regionalbüro der WHO empfohlenen Kernelemente weitgehend umgesetzt. Auf internationaler Ebene beschäftigen sich Wissenschaftler, Ärzte und Entscheidungsträger im Rahmen des Netzwerkes „Global Heat Health Information Network“ damit, den Schutz der Bevölkerung vor vermeidbaren Auswirkungen von Hitze auf die Gesundheit zu verbessern und tauschen ihre Erfahrungen aus.

Franziska Matthies-Wiesler ist Senior Scientist am Helmholtz Zentrum München, German Research Centre for Environmental Health, Institute for Epidemiology.
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