Ausbildungsporträt

Berufswunsch: Pflege

Bilen Aweke steht kurz vor ihrem Examen als Pflegehelferin. Sie will den Weg weitergehen und sich zur Pflegefachfrau ausbilden lassen. Von schwierigen Rahmenbedingungen in der Corona-Pandemie lässt sie sich nicht abschrecken. Christoph Fuhr (Text) und Rolf K. Wegst (Fotos) haben die junge Frau an ihrem Ausbildungsplatz bei einem ambulanten Dienst besucht.

Alten Menschen den Hintern abwischen? Das ist ja wohl das Allerletzte, was ich in meinem Beruf machen möchte! Bilen Aweke kennt solche Vorurteile aus ihrer Zeit in der Hauptschule. Die 19-Jährige mit äthiopischen Wurzeln hat sich davon nicht beeinflussen lassen. Einfach sei ihre Entscheidungsfindung allerdings nicht gewesen, sagt sie. „Doch ich weiß jetzt: Meine Zukunft ist das Berufsfeld Pflege.“ Inzwischen hat sie auch einen Sinneswandel bei früheren Klassenkameraden wahrgenommen. Sie werten die Pflege nicht mehr ab, sondern ermuntern sie: Mach das, du triffst eine kluge Entscheidung.

Bad Soden am Taunus vor den Toren von Frankfurt am Main: In der „Seniorenresidenz im Musikerviertel“ hat der ambulante Pflegedienst „pro domo“ Geschäftsräume angemietet. Hier bietet er seine Leistungen mit 36 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie vier Auszubildenden an. Die Seniorenresidenz ist eine private Einrichtung mit einem speziellen Konzept für Betreutes Wohnen. In der Anlage mit 80 Wohneinheiten leben Seniorinnen und Senioren selbstbestimmt in ihren eigenen vier Wänden. Sie sind Eigentümer oder Mieter dieser Wohnungen und buchen bei Bedarf Service-Leistungen hinzu.

Frei sind die Bewohner auch bei der Wahl ihres ambulanten Pflegedienstes. Sie wollen, wenn es eben geht, bis zu ihrem Tod hier leben. Die eigenen vier Wände sind für sie das Maß aller Dinge. Den Umzug in ein Pflegeheim wollen sie nach Möglichkeit vermeiden.

Entschluss steht nach Praktikum fest.

Bilen Aweke hat während ihrer Schulzeit bei „pro domo“ zunächst ein Praktikum gemacht. Das hat ihr gefallen. Sie hat dort im Anschluss eine einjährige Ausbildung als Altenpflegehelferin begonnen. Ihre Eltern stammen aus Äthiopien, sie ist in Frankreich geboren, als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland umgezogen und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Auf der Suche nach dem richtigen Beruf hat sie viele Erfahrungen gesammelt. Sie war Praktikantin bei einem Tierarzt, in einer Bäckerei, in einer Schreinerei, in einem Modeladen und in einem Möbelhaus. „Es ist nicht so, dass mir nichts davon gefallen hätte“, erinnert sie sich, „aber am Ende sollte es dann doch ein Beruf in der Pflege sein.“

„Wollen wir es mit dem Laufen probieren?“ Pflegeschülerin Bilen Aweke motiviert Heinz Gutacker zum Gehen am Rollator.

Die Pflegehelfer- und Pflegeassistenten-Ausbildung ist in Deutschland nicht einheitlich geregelt. Es gibt eine bunte Mischung von Berufsbezeichnungen und Qualifikationswegen, so dass je nach Bundesland verschiedene Ausbildungen mit Unterschieden bei der Länge und den Abschlüssen angeboten werden. Bilen Aweke steht nach zwölf Monaten Ausbildung jetzt unmittelbar vor ihrem Examen als Altenpflegehelferin. „Es wird lediglich ein Zwischenschritt sein“, sagt sie. Danach soll es weitergehen. „Ich will eine Ausbildung zur Pflegefachfrau beginnen.“ Dieser Weg ist für Bewerberinnen und Bewerber mit Hauptschulabschluss nur möglich, wenn sie ein Examen als Pflegehelfer vorweisen können.

Umgang mit dem Tod als Herausforderung.

„Als ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, ob die Pflege ein passender Beruf für mich sein könnte, hatte ich zunächst Zweifel“, räumt die junge Frau ein. Das „Hintern abwischen“ sei dabei nie ein Thema gewesen. Ein anderes Problem hat sie viel mehr beschäftigt: „Diese Arbeit bedeutet, dass ich ältere Menschen vielleicht bis zu ihrem Tod begleite und dass ich vermutlich auch emotional zu ihnen eine Beziehung entwickle. Es würde mich sehr treffen, wenn sie gehen.“

Bilen Aweke gerät in ihrem Praktikum genau in die Situation, vor der sie sich gefürchtet hatte: Eine ältere, schwerkranke Dame schließt sie ins Herz. „Da waren zwei Menschen, die sich einfach gut verstanden haben“, erinnert sich „pro domo“-Chef Sigurd Weber. Doch dann stirbt die Frau, und Bilen Aweke kann sich nicht rechtzeitig von ihr verabschieden. „Für mich war das sehr traurig, aber auch lehrreich“, sagt sie. „Ich habe in dieser Zeit verstanden, dass man lernen muss loszulassen. So ist nun mal der Pflegeberuf – und ich weiß jetzt, dass ich dieser Herausforderung gewachsen bin.“

Auf Dauer mehr Verantwortung übernehmen.

Seit Januar 2020 strukturiert das Pflegeberufereformgesetz das Erlernen des Pflegeberufs neu. Die Ausbildungen in der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sind zu einer generalistischen Pflegeausbildung mit einheitlichem Berufsabschluss als Pflegefachfrau oder Pflegefachmann zusammengeführt worden. In der dreijährigen Ausbildung werden übergreifende Kompetenzen in allen Versorgungsbereichen und Pflegesettings vermittelt: in Krankenhäusern, stationären Pflegeeinrichtungen und in der ambulanten Pflege. Auch im „pro domo“-Team gibt es junge Menschen, die diesen Ausbildungsweg gewählt haben.

Bilen Aweke hat sich mit der Frage beschäftigt, was die Arbeit der Pflegehelferin von der deutlich höher qualifizierten Pflegefachkraft unterscheidet. Im Pflegeberufegesetz werden sogenannte Vorbehaltsaufgaben definiert, die ausschließlich Pflegefachkräfte erledigen dürfen. Experten interpretieren die Definition dieser Vorbehaltsaufgaben als eine wesentliche Aufwertung des Pflegeberufs. Professionell Pflegende erhalten dadurch mehr Autonomie und berufsethische Verantwortung. Zu diesen Aufgaben gehört die Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs, die Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses sowie die Analyse, Evaluation, Sicherung und Entwicklung der Pflegequalität.
 
Das Gesetz stellt klar, dass pflegerische Maßnahmen keine Vorbehaltsaufgaben sind. Hier können auch Pflegehelfer eingesetzt werden. „Aber diese Arbeit bietet keine Perspektive für ein ganzes Berufsleben“, sagt Bilen Aweke. „Ich kann mich gut auf pflegebedürftige Menschen einstellen und Zuwendung vermitteln. Die Arbeit macht mir Freude, und ich will auf Dauer ganz einfach mehr Verantwortung übernehmen.“

Hilfe bei der Mobilität.

Schichtbeginn im Pflegedienst: Das Team, das die Arbeit übergibt, meldet keine besonderen Vorkommnisse. Acht Pflegebedürftige wird Bilent Aweke betreuen. Sie macht ihre Tour nach einer langen Einführungsphase meist allein. An diesem Tag wird sie von Pflegedienstleiter Stefan Kruscha begleitet. Die junge Frau hat eine kleine Box mit Medikamenten dabei, die den Patienten von ihren Haus- oder Fachärzten verordnet worden sind. Eine Pflegefachkraft hat die Boxen nach den Vorgaben des Medikamentenplans befüllt. Das ist Bilent Aweke nicht erlaubt. Sie wird die Arzneimittel aber an die Pflegebedürftigen übergeben.

Erste Station in dem weitläufigen Gebäudekomplex ist das Appartement von Heinz und Gertrud Gutacker. Die beiden sind hier vor drei Jahren eingezogen, weil Heinz Gutacker völlig immobil geworden war. „Das war eine schlimme Zeit, und ich war sehr frustriert, aber heute weiß ich, dass es Wichtigeres gibt: Solange der Kopf noch mitmacht, ist alles gut“, sagt Gutacker und ist ein wenig stolz darauf, dass ihn viele Menschen jünger einschätzen.

„Ich bin 97 Jahre alt, das können die Leute oft nicht glauben.“ Er hat Pflegegrad 4, seine Frau ist in Pflegegrad 3 eingestuft. Herr Gutacker legt viel Wert auf Eigenständigkeit, er will sich selbst an- und ausziehen und möchte seinen Körper möglichst auch selbst pflegen. „Wollen wir es heute mal mit Laufen probieren?“, fragt Pflegeschülerin Aweke. Der Senior nickt, erhebt sich vorsichtig aus seinem Rollstuhl, greift nach dem Rollator und bewegt sich dann Schritt für Schritt vorwärts. Im Fitnessstudio, das zur Seniorenresidenz gehört, hat Heinz Gutacker ein individuell erarbeitetes Reha-Programm absolviert. „Wir haben ihn dort wieder mobilisieren können“, erläutert Stefan Kruscha.

Bilen Aweke gefällt es, wenn sie Menschen aus der Seniorenresidenz in dieses Studio begleiten kann. Die Trainer können ihr hier das Zusammenspiel der Bestandteile des Bewegungsapparates mit Knochen, Sehnen und Muskeln erklären. „Das hilft mir, die Zusammenhänge auch in meinem Arbeitsalltag besser zu verstehen“, sagt sie. „Die allermeisten Pflegebedürftigen sind in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt.“

Die Lebensbedingungen des Ehepaars Gutacker haben sich im vergangenen Jahr verändert. Bei Frau Gutacker wurde eine fortschreitende Demenz diagnostiziert. Die pflegebedürftige Seniorin liegt noch im Bett, als Bilen Aweke am Morgen zunächst ihren Unterkörper wäscht. Dann hilft sie der Seniorin, sich vor das Waschbecken zu setzen, und beginnt mit der Pflege des Oberkörpers. Schließlich kämmt sie ihr die Haare und hilft beim Anziehen. „Was haben Sie denn gestern gegessen?“, will Bilen Aweke jetzt von ihr wissen „Das weiß ich nicht mehr so genau“, sagt Frau Gutacker und lächelt. „Aber Sie wissen es bestimmt?“, fragt sie zurück. „Es war Kaiserschmarrn“. „Ach, ja, hat gut geschmeckt.“

Am Malkurs hat sie gestern auch teilgenommen, aber was genau sie gemalt hat, bleibt unklar. „Irgendetwas mit einem Buch“, murmelt sie. „Meine Güte, es fällt mir nicht mehr richtig ein.“ Jetzt testet Aweke mit gezielten Fragen das Langzeitgedächtnis der Seniorin – und mit dieser Herausforderung hat die 87-jährige Frau nicht die geringsten Probleme. Dass sie in Oberschlesien geboren wurde, kann sie sofort sagen, auch ihr Geburtsdatum hat sie ohne Nachdenken parat. Nur das dazu passende Sternzeichen kennt sie nicht. „So ein Quatsch, das hat mich nie interessiert“, sagt sie und klingt ein wenig empört.

Geduld und Gelassenheit sind gefragt.

Bilen Aweke hat die Erfahrung gemacht, dass in ihrem Berufsalltag eine sehr spezielle Eigenschaft besonders gefragt ist: „Ich brauche Geduld und Gelassenheit, wenn Dinge nicht so schnell laufen, weil alte Menschen eben nicht mehr so schnell sind. Das gelingt mir gut“, sagt sie selbstbewusst. „Wer das nicht kann, ist hier fehl am Platz.“

Die dreijährige Ausbildung zur/m Pflegefachfrau-/fachmann gliedert sich in einen schulischen und einen betrieblichen Teil. Der theoretische und praktische Unterricht findet an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Pflegeschule statt und hat einen Umfang von mindestens 2.100 Stunden. Fundament der Ausbildung ist ein schulinternes Curriculum. Die praktische Ausbildung umfasst mindestens 2.500 Stunden. Sie basiert auf einem Ausbildungsplan, der vom Träger der praktischen Ausbildung zu erstellen ist und sich am schulinternen Curriculum orientiert.

Voraussetzung für die Ausbildung sind ein mittlerer Schulabschluss oder eine andere erfolgreich abgeschlossene zehnjährige allgemeine Schulbildung. Auch die Kombination aus Hauptschulabschluss und einer abgeschlossenen zweijährigen Berufsausbildung eröffnet den Zugang zur Pflegeausbildung, ebenso ein Hauptschulabschluss nach neun Jahren mit einer anschließenden mindestens einjährigen erfolgreichen Ausbildung als Pflegehelfer beziehungsweise -assistent. Weitere Voraussetzungen sind die persönliche Eignung, ein Gesundheitszeugnis sowie Deutschkenntnisse auf einem für die Ausübung des Berufs erforderlichen Niveau.

Quelle: www.pflegeausbildung.net

In den hessischen Rahmenplänen für die Pflegehelfer-Azubis sind die Lernziele mit Blick auf Demenz-Patienten präzise definiert: „Die Auszubildenden verfügen über Grundkenntnisse zum Krankheitsbild Demenz. Sie erkennen herausfordernde Verhaltensweisen und reagieren empathisch. Sie beziehen die biografischen Erfahrungen der Person mit Demenz in die Pflegeintervention ein. Sie kommunizieren wertschätzend und anerkennend.“

Ausbildung nach Curriculum.

Den nächsten Arbeitsschritt darf die junge Frau nicht selbst ausführen. Er ist ihrem Ausbilder Stefan Kruscha vorbehalten. Kruscha legt der Patientin einen Pütterverband an. Das ist ein Kompressionsverband, der bei chronischer Veneninsuffizienz oder bei Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe angewendet wird.

„Aufgaben, die Bilen übernehmen darf, sind exakt aufgelistet“, erläutert Kruscha. „Und klar ist auch, welche Arbeit sie nicht machen darf.“ Selbst Auszubildende zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann dürfen diesen Verband erst anlegen, nachdem sie das in der Schule gelernt haben. Wichtig ist aber dennoch, dass Pflegeschülerin Aweke beim Anlegen des Verbandes dabei ist und zugleich seinen Sinn versteht. Sie beobachtet und fragt nach, Kruscha erklärt und zeigt alles ganz genau.

„Wir haben ein Curriculum, wir haben Zeitvorgaben, und die Inhalte werden exakt abgearbeitet“, erläutert der Ausbilder. Bilen Aweke wurden zum Beispiel Grundlagen der Körper-, Ohren-, Augen- und Intimpflege vermittelt, sie lernte das Blutdruck- und Temperaturmessen, beschäftige sich mit der Anatomie und Physiologie im Magen-Darm-Bereich, lernte Kommunikationsgrundlagen im Umgang mit Demenzpatienten. Auf dem Unterrichtsplan stand aber auch das Lernfeld „Sozialrecht und die Bedeutung der Kranken- und Pflegeversicherung“.

Das Statistische Bundesamt hat erstmals Zahlen zur generalistischen Pflegeausbildung im Schuljahr 2020/2021 vorgelegt. Insgesamt wurden 2020 laut Destatis-Angaben 57.294 Ausbildungsverträge geschlossen. Knapp 3.700 Verträge wurden bis Jahresende 2020 wieder gelöst. Ein Teil der vorzeitigen Vertragslösungen mündet in einen neuen Vertrag mit einem anderen Ausbildungsbetrieb.

Das Durchschnittsalter bei Ausbildungsbeginn lag bei 20 Jahren. Sechs Prozent (3.582 Frauen und Männer) waren bei Ausbildungsbeginn bereits 40 Jahre oder älter, weitere elf Prozent (5.910) waren zwischen 30 und 39 Jahre alt. Gut drei Viertel der Auszubildenden waren Frauen (76 Prozent beziehungsweise 40.602). 507 Auszubildende nutzten die Möglichkeit, die Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren.

Quelle: Destatis

Bevor Bilen Aweke die Wohnung des Ehepaars Gutacker verlässt, macht sie die Pflegedokumentation. Sie hakt auf einem Plan ab, welche Leistungen der Grundpflege sie konkret erledigt hat. Wichtig ist auch, dass sie besondere Vorkommnisse oder Auffälligkeiten bei ihrer Arbeit notiert. Hatte der Pflegebedürftige etwa beim Verlassen der Dusche Gleichgewichtsstörungen, die bisher nicht wahrgenommen wurden? Bei der Übergabe an das folgende Betreuungsteam werden diese Beobachtungen auch mündlich kommuniziert. „Der Pflegeprozess muss immer nachvollziehbar gestaltet, ausgewertet und angepasst werden“, erläutert Kruscha.

Unterricht im Online-Format.

Bilen Aweke hat ein Ausbildungsjahr hinter sich, das in der Geschichte der Pflege in Deutschland wohl unvergessen bleibt. Die Angst vor Corona hat das Leben bestimmt. Ärzte und Pflegekräfte gingen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. „Das alles war sehr beeindruckend“, sagt Bilen Aweke. „Es hat meine Ausbildung vollkommen verändert.“ Unter den Pandemie-Bedingungen hat der schulische Teil fast ausschließlich online stattgefunden. Ihre Klassenkameraden hat sie nur selten gesehen. Der gesamte Unterricht musste schlagartig auf Fernunterrichts-Formate umgestellt werden. Und die junge Frau war froh, dass die Online-Anbindung an die Schule nach einigen Anlaufschwierigkeiten funktionierte: „Ich hatte zunächst große Probleme, mich ohne Pannen und Abstürze mit der nötigen Software auf die neue Situation einzustellen.“

Um die einjährige Pflegehelfer-Ausbildung in den Betrieben und in der Schule besser zu verzahnen, sind in den vergangenen Jahren in Hessen viele Anstrengungen unternommen worden.

Insgesamt sollen 700 Stunden der Ausbildung am Lernort Schule unterrichtet werden und mindestens 900 Stunden auf den Lernort Praxis entfallen. Rahmenlehrpläne beschreiben die Kompetenzentwicklung der Azubis im Ausbildungsverlauf – und das immer parallel an beiden Lernorten, also in der Schule und im Ausbildungsbetrieb. „Die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis soll möglichst aufgehoben werden“, erläutert „pro domo“-Chef Sigurd Weber. „Ein kluges Konzept, denn an einer besseren Verzahnung führt kein Weg vorbei.“ Aber funktioniert das auch in Zeiten von Corona? Weber weiß: Die ehrgeizigen Vorgaben des Rahmenlehrplans sind seit Beginn der Pandemie nur noch schwer zu realisieren.

Lehrkräftemangel zeichnet sich ab.

Die Gruppe Junge Pflege im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe, die sich als berufspolitische Vertretung des Pflegenachwuchses sieht, kam bei einer Analyse der Situation zu wenig erfreulichen Ergebnissen: Auszubildende und Studierende seien durch die Pandemie übermäßig belastet. Die Pflegeschulen seien, ebenso wie viele weitere Bildungseinrichtungen, geschlossen, es gebe keine Präsenzveranstaltungen, der Unterricht werde mit Mühen digital weitergeführt.

„Die Azubis haben die komplexen pflegerischen, medizinischen und sozialwissenschaftlichen Inhalte mittels Selbststudiums angehen müssen“, kritisieren die jungen Pfleger und warnen vor fatalen Folgen: „Es besteht die Gefahr, dass komplexe pflegerische Maßnahmen auch durch die Mehrbelastung im Alltag fehlerhaft erlernt werden.“

Der Run auf Pflegeschulen ist groß, doch es fehlen Lehrkräfte – und das nicht nur in Hessen.

Die Zeiten sind schwierig – auch für Bilen Aweke: „Sie macht eine gute Arbeit“, lässt Sigurd Weber keinen Zweifel. „Sie ist empathisch, es gelingt ihr gut, Vertrauen zu den Pflegebedürftigen aufzubauen. Sie hat keine Berührungsängste und versteht ihre Arbeit als ständigen Lernprozess.“ Weber glaubt, dass die angehende Pflegehelferin gut in sein Team passen wird: „Wenn sie ihr Examen als Pflegehelferin besteht, werden wir ihr eine Stelle für die generalistische Pflegeausbildung anbieten können.“ Dabei bahnen sich allerdings Probleme an: „Bilen muss auch eine entsprechende Pflegeschule finden. Wir wollen ihr dabei helfen, aber die Chancen sind aktuell zumindest im Rhein-Main-Gebiet extrem schlecht.“
 
Weber hat immer wieder Anfragen von Hauptschulabsolventen, die über die Ausbildung als Pflegehelfer den Weg zur Lehrstelle als Pflegefachkraft gehen wollen. In der Regel muss er absagen. Der Run auf Pflegeschulen ist groß, doch es fehlen Lehrkräfte – und das nicht nur in Hessen. Die Situation wird sich eher noch verschärfen, weil die Babyboomer in den Ruhestand gehen. Schulen können die Ausbildungskapazitäten nicht bereitstellen, wenn es nicht genügend Lehrende auf dem Arbeitsmarkt gibt. Die beruflichen Anforderungen an die Pflegepädagogen sind gestiegen. Didaktisch sind die Aufgaben anspruchsvoller geworden. Arbeit verdichtet sich, die Belastung wird größer, und das hat unerwünschte Folgen für die Qualität der Ausbildung.

Corona schreckt nicht ab.

Junge Menschen lassen sich aber trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen nicht abschrecken. Sie entdecken die Pflege als Berufsfeld: Insgesamt wurden 2020 nach Zahlen des Statistischen Bundesamts 57.294 Ausbildungsverträge geschlossen. Zum Vergleich: Im Schuljahr 2019/2020 starteten insgesamt 57.018 Personen eine Pflegeausbildung, damals noch getrennt in den Bereichen der Altenpflege (27.309), Gesundheits- und Krankenpflege (26.628) und in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (3.081). Die Auswirkungen von Corona haben sich offenbar auf das Interesse am Berufsfeld Pflege nicht negativ ausgewirkt, obwohl die schwierigen Arbeitsbedingungen und die enorme körperliche wie psychische Belastung in diesem Beruf im vergangenen Jahr immer wieder thematisiert wurden.

Gute Ausbildung spricht sich herum.

Pflegedienstleiter Stefan Kruscha erwartet, dass es auf Dauer einen scharfen Wettbewerb um gute Pflegekräfte geben wird. Ein wichtiges Element dabei ist aus seiner Sicht eine gute Ausbildungsarbeit. Mittel- und langfristig genügend Auszubildende zu finden und dauerhaft zu binden, könne nur gelingen, wenn die Pflegeeinrichtungen eine positive Einstellung zu ihren Ausbildungsaufgaben entwickeln. „Wenn du gut und fair ausbildest, spricht sich das herum, und das nicht nur bei den Azubis“, ist Kruscha überzeugt: „Auch Pflegeschulen werden aufmerksam. Das ist das Fundament für gute Chancen im Wettbewerb um die Besten.“

Bilen Aweke hat sich noch keine Gedanken darüber gemacht, ob sie nach ihrer – wegen der Probleme in Pflegeschulen womöglich zeitlich verzögerten – Ausbildung zur Pflegefachfrau hinterher lieber in einer Klinik oder doch in der ambulanten Pflege arbeiten möchte. „Das entscheide ich erst, wenn ich meine Erfahrungen in allen Pflegebereichen gesammelt habe“, sagt sie. Sigurd Weber würde sie gerne als Mitarbeiterin behalten, aber er kann diese Einstellung gut nachvollziehen: „Das würde ich an ihrer Stelle nicht anders machen.“

Christoph Fuhr ist freier Journalist mit Schwerpunkt Gesundheit. Er war mehr als 25 Jahre Redakteur im Ressort Gesundheitspolitik der Ärzte Zeitung/Springer Medizin.
Rolf K. Wegst ist freier Fotograf.
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