Thema des Monats

Corona-Knick in der Gesundheitsbranche

Arbeitsplätze, Ausfuhren, Wertschöpfung – die Corona-Krise hat der bisher stets gewachsenen Gesundheitswirtschaft einen leichten Dämpfer beschert. Dennoch ist sie weiterhin ein Zugpferd für das Wachstum der Gesamtwirtschaft. Eine aktuelle Bestandsaufnahme von Dr. Sandra Hofmann, Dr. Rüdiger Leidner und Hanna Hryhorova

Gesundheitliche und pflegerische Versorgung, Gesundheitsprodukte, E-Health und Co.: Die Gesundheitswirtschaft ist eine riesige Branche. Was in ihr passiert, wirkt sich auf die Gesamtwirtschaft und das Wohlergehen der Gesellschaft aus. In den vergangenen Jahren wuchs diese Branche kontinuierlich an. Mit der Corona-Pandemie bekam dieser stete Aufwärtstrend einen leichten Dämpfer. Aber die aktuell vom Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichten Zahlen bestätigen erneut: Mit einer Bruttowertschöpfung (Wert aller Güter und Dienstleistungen abzüglich der in den Produktionsprozess eingeflossenen Vorleistungen) von 364,5 Milliarden Euro (2019: 378,7 Milliarden Euro) gehört die Gesundheitswirtschaft zu den bedeutendsten Branchen der deutschen Volkswirtschaft.

Trotz Pandemie ist ihr Anteil an der Gesamtwirtschaft im Jahr 2020 leicht auf 12,1 Prozent gefallen (2019: 12,2 Prozent). Auch mit der hohen Zahl der in der Gesundheitswirtschaft Beschäftigten (7,4 Millionen Erwerbs­tätige, die 16,5 Prozent der Gesamtbeschäftigung ausmachen) braucht sie nicht den Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen wie beispielsweise der Automobilindustrie zu scheuen. Im Vergleich zu ihr generierte die Gesundheitswirtschaft mehr als das Doppelte an Bruttowertschöpfung (Autoindustrie 2018: 155,1 Milliarden Euro) und über 6,4 Millionen Erwerbstätige mehr (Autoindustrie 2018: eine Million Beschäftigte). Neben der von der Gesundheitswirtschaft erzielten Wertschöpfung und den gesicherten Jobs konnte die Branche auch Ausfuhren in Höhe von 127,7 Milliarden Euro vorweisen. Das entspricht einem Anteil von 8,8 Prozent an allen deutschen Exporten.

Beschäftigte konsumieren weitere Güter.

Die Aktivitäten der Gesundheitswirtschaft haben nicht nur positive Effekte auf die Branche selbst, sondern auch auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Durch indirekte Effekte (siehe Glossar) wie den Bezug von Vorleistungen aus den Zulieferbranchen (beispielsweise Computer für die Rechenzentren der Krankenkassen, Fahrzeuge wie Rettungswagen oder Nahrungsmittel für die Versorgung der Krankenhauskantinen) trägt sie zusätzlich zu Wohlstand und Beschäftigung in der Gesamtwirtschaft bei. Hinzu kommen weitere wirtschaftliche Effekte. Denn die von den in der Gesundheitswirtschaft Beschäftigten erzielten Einkommen führen auch zu Konsumausgaben. Somit gingen mit den 7,4 Millionen Erwerbstätigen in der Gesundheitswirtschaft im Jahr 2020 zusätzlich indirekt und induziert rund 4,1 Mil­lionen Beschäftigungsverhältnisse in der Gesamtwirtschaft einher (siehe Grafik „Motor für den Arbeitsmarkt). Dadurch hat die Arbeit eines Erwerbstätigen in der Gesundheitswirtschaft im Jahr 2020 für 0,56 zusätzliche Stellen in der gesamten Volkswirtschaft gesorgt.

Corona-Knick - Grafik: Motor für den Arbeitsmarkt - 800px

Die Gesundheitswirtschaft strahlt positive Effekte auf den gesamten Arbeitsmarkt aus. Mit ihren 7,4 Millionen Beschäftigten im Jahr 2020 (2019: 7,5 Millionen Erwerbstätige) sind weitere 4,1 Millionen indirekte und induzierte Stellen verknüpft. Mit der Arbeit eines Erwerbstätigen in der Branche sind 0,56 zusätzliche Beschäftigte in der Gesamtwirtschaft einhergegangen.

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2021

Durch die Verflechtung der Gesundheitswirtschaft mit anderen Wirtschaftszweigen hinterlässt sie einen ökonomischen Fußabdruck von 646,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung. Das bedeutet, dass mit jedem Euro Bruttowertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft 2020 insgesamt rund 0,77 Euro zusätzliche Bruttowertschöpfung in der Gesamtwirtschaft verbunden waren (siehe Grafik „Großer Einfluss auf die Gesamtwirtschaft“).

Rückgang trotz steigender Gesundheitsausgaben.

Erstmals seit Beginn der regelmäßigen Berichterstattung des Wirtschafts­forschungsinstituts WifOR zur Entwicklung der Gesundheitswirtschaft für das Bundeswirtschaftsministerium vor gut zehn Jahren verringerte sich 2020 die Wertschöpfung der Gesundheitswirtschaft (im Vergleich zu 2019: minus 3,7 Prozent) und fiel stärker aus als in der Gesamtwirtschaft (im Vergleich zu 2019: minus 3,0 Prozent). Zudem war gegenüber 2019 ein Abbau der Arbeitsplätze zu beobachten. Die Zahl der Erwerbstätigen in der Gesundheitswirtschaft verringerte sich 2020 um 1,6 Prozent und ging damit deutlich stärker zurück als die Gesamtbeschäftigung (im Vergleich zu 2019: minus 1,1 Prozent). Auch schrumpfte der Export der Gesundheitswirtschaft um 8,7 Pro­zent, fiel aber geringer aus als der Rückgang der deutschen Exporte insgesamt (minus 9,7 Prozent).

Corona-Knick - Grafik: Großer Einfluss auf Gesamtwirtschaft - 800px

Die Aktivität der Gesundheitswirtschaft wirkt sich auf die Gesamtwirtschaft aus. Durch ihre Verflechtung mit anderen Branchen entstand 2020 durch indirekte und induzierte Effekte eine zusätzliche Bruttowertschöpfung in Höhe von 281 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass mit jedem Euro Brutto­wertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft 0,77 Euro zusätzliche Brutto­wertschöpfung in der Gesamtwirtschaft einhergehen.

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2021

Während sich die Exportrückgänge der Gesundheitswirtschaft durch die Corona-Krise erklären lassen (unterbrochene Lieferketten, Grenzschließungen, etc.), werfen die rückläufige Wertschöpfung und die gesunkene Beschäftigtenzahl in der Gesundheitswirtschaft angesichts der extrem hohen Nachfrage nach Gesundheitsleistungen Fragen auf. Nach Schätzung des Statistischen Bundesamtes legten die Gesundheitsausgaben im ersten Pandemiejahr um 3,5 Prozent zu (siehe Lese- und Webtipps). Dies erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, erklärt sich aber dadurch, dass die Gesundheitswirtschaft eine heterogene Branche ist, die in ambulante und stationäre Versorgung, industrielle Gesundheitswirtschaft wie Pharma- und Medizinprodukteindustrie, weitere Teilbereiche wie Physio­therapie sowie Wellness und Fitness zu unterteilen ist.

Laut Statistischem Bundesamt wurde 2020 zwar einerseits mehr für Gesundheit ausgegeben, andererseits führte die Freihaltung von Intensivbetten für Covid-19-Patienten und der damit verbundene Verzicht auf die „regulären“ stationären Behandlungen zum Rückgang der Bruttowertschöpfung. Durch die Liefer- und Exportprobleme konnte die industrielle Gesundheitswirtschaft weniger produzieren und exportieren. Nicht zuletzt mussten Sport- und Wellnesseinrichtungen wegen der verschärften Corona-Maßnahmen zeitweise schließen.

All diese Bereiche sind Teil der Gesundheitswirtschaft und erklären die Bruttowertschöpfungs- und Erwerbstätigenrückgänge im vergangenen Jahr. Außerdem begünstigten die vo­rübergehenden Grenzschließungen den Beschäftigungsabbau, sodass sich in grenznahen Gebieten der Fachkräftebedarf nicht im notwendigen Umfang decken ließ. Hinzu kamen negative Auswirkungen zum Beispiel im Gesundheitstourismus aufgrund der Übernachtungsverbote, die ebenfalls einen negativen Effekt auf die Bruttowertschöpfung und auf die Beschäftigtenzahl in der Gesundheitswirtschaft hatten.

Medizinische Versorgung wirkt stabilisierend.

Allerdings beeinträchtigte die Pandemie die einzelnen Teilbereiche der Gesundheitswirtschaft unterschiedlich stark. Den stärksten Rückgang wies 2020 die industrielle Gesundheitswirtschaft auf (minus 9,1 Prozent), gefolgt von den weiteren Teilbereichen wie Physio­therapie, Wellness und Fitness (minus 4,0 Prozent).

Wegen geschlossener Grenzen ließ sich der Bedarf an Fachkräften nicht im notwendigen Umfang decken.

Im Vergleich dazu fiel die negative Entwicklung im Bereich der medizinischen Versorgung mit einem Minus von 1,5 Prozent moderat aus. Somit hat sich der größte Teilbereich der Branche auch in Krisen­zeiten als stabilisierendes Element herausgestellt. Gleichwohl musste er während des ersten Pandemiejahres Federn lassen: Im Vergleich zu 2019 sank deren Bruttowertschöpfung um 1,4 Prozent. Dabei fiel der Negativtrend in den einzelnen Bereichen der medizinischen Versorgung (Krankenhäuser, Arzt- und Zahnarztpraxen, Praxen sonstiger Gesundheitsberufe wie Physiotherapie) sehr unterschiedlich aus (siehe Grafik „Medizinische Versorgung unterschiedlich betroffen“).

Einen sehr starken Rückgang bei der Bruttowertschöpfung verzeichneten die Krankenhäuser (minus 5,7 Prozent). Dieser Rückgang ist vor allem durch das Freihalten von Betten für Covid-19-Patienten und das Verschieben oder gar Streichen von geplanten Operationen sowie regulären Behandlungen in Krankenhäusern zurückzuführen.
 
Genau in die entgegengesetzte Richtung entwickelte sich die Wertschöpfung der Arztpraxen. Dieser Teilbereich verzeich­nete ein Wachstum gegenüber 2019 in Höhe von 5,0 Prozent und lag damit sogar höher als noch zwischen den Jahren 2018 und 2019 (plus 4,2 Prozent). Dies könnte daran gelegen haben, dass die Arztpraxen von Krankenhäusern gestrichene Behandlungen übernommen und Covid-19-Patienten betreut haben.

Diese gegenläufige Entwicklung lässt sich jedoch nicht auf den gesamten ambulanten Bereich übertragen. So sahen sich die Zahnarztpraxen mit Verschiebungen von Behandlungen aus Angst vor Ansteckung konfrontiert. Dies belegt der deutliche Rückgang der Wertschöpfung in Höhe von 8,7 Prozent im Vergleich zu 2019. Ihr Wertschöpfungsrückgang war nicht nur höher als der der Krankenhäuser, sondern sogar sechs Mal so hoch wie der Rückgang in der medizinischen Versorgung insgesamt.

Corona-Knick - Grafik: Medizinische Versorgung unterschiedlich betroffen - 800px

In den einzelnen Bereichen der medizinischen Versorgung wirkte sich Corona unterschiedlich stark aus. Während 2020 die Bruttowertschöpfung in den Krankenhäusern im Vergleich zum Jahr 2019 um 5,7 Prozent sank, stieg sie in den Arztpraxen um fünf Prozent an. Besonders hoch fiel der Rückgang bei den Zahnärzten aus.

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2021

Die Wertschöpfungsrückgänge sind aber nicht nur auf die Angst der Patienten vor Covid-19 und ihren Folgen zurückzuführen. Hinzu kamen die staatlich angeordneten Beschränkungen, die zu Schließungen von Praxen von zum Beispiel Physiotherapeuten, Logopäden und Hebammen geführt haben. Subsummiert unter dem Begriff „Praxen sonstiger medizinischer Berufe“ verzeichnete dieser Bereich ebenfalls einen Rückgang gegenüber 2019 in Höhe von 3,3 Prozent und überragte damit den Rückgang der gesamten medi­zinischen Versorgung deutlich.

Wachstum über viele Jahre.

Auch wenn diese Entwicklung deutlich macht, dass 2020 selbst das Herzstück der Gesundheitswirtschaft kaum von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie verschont geblieben ist – der kurzfristige Blick auf das erste Pandemiejahr darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Branche bei längerfristiger Betrachtung für Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und Export sorgt. In den Jahren 2011 bis 2020 war die Bruttowertschöpfung der Gesundheitswirtschaft trotz des Rückgangs im Jahr 2020 mit jährlich durchschnittlich 3,3 Prozent um 0,8 Prozentpunkte stärker gewachsen als die der Gesamtwirtschaft. Auch der Anstieg der Erwerbstätigenzahl war in diesem Zeitraum mit einem durchschnittlichen Wachstum von 1,6 Prozent pro Jahr doppelt so hoch wie in der Gesamtwirtschaft.

Gleiches gilt für die Exporte: Die Ausfuhren der Gesundheitswirtschaft stiegen zwischen 2011 und 2020 trotz des deutlichen Rückgangs im Jahr 2020 durchschnittlich um 4,3 Prozent pro Jahr und damit fast doppelt so schnell wie die gesamten deutschen Ex­porte (2,2 Prozent pro Jahr).

Die unzureichende Digitalisierung hat sich in der Pandemie als Flaschenhals entpuppt.

Folglich ist die Gesundheitswirtschaft – trotz des Einschnitts im Jahr 2020 – eine der stärksten und zukunftsträchtigsten Branchen. Sie bleibt ein entscheidender Wachstums- und Beschäftigungsfaktor in der Gesamtwirtschaft. Ihre volkswirtschaftliche Bedeutung ist in den Jahren vor der Corona-Pandemie erheblich gestiegen und birgt Chancen zu einer raschen Erholung nach der Covid-19-Krise und einer positiven künftigen Entwicklung.

Engpässe lange bekannt.

Die Gesundheitswirtschaft kann aber ihren Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung nur erbringen, wenn sie nicht selbst an Kapazitätsgrenzen stößt. Engpässe waren, wie das Beispiel des Fachkräftemangels zeigt, schon lange vor Ausbruch der Pandemie bekannt. Auch die unzureichende Digitalisierung wirkte sich in der Pandemie ebenso als ausgesprochener Flaschenhals aus wie das Fehlen von Schutzmasken und Testmaterialien. Wie viele Covid-19-Infektionen hätten bei Vorhandensein der notwendigen Schutz­masken vermieden werden können? In welchem Umfang wären hierdurch und durch ausreichende Testkapazitäten wirtschaftliche Restrik­tionen wie die Schließung von Einrichtungen im Handels-, Kultur- und Tourismusbereich vermeidbar gewesen? Das sind nur zwei aus einer ganzen Reihe möglicher Fragen, die auf einen engen Zusammenhang von Gesundheitszustand und Wirtschaftsentwicklung und damit von Gesundheits- und Wirtschaftspolitik hindeuten.

Gesundheitsfolgen abschätzen.

Notwendig ist daher ein politisches Umsteuern hin zu einer integrierten Gesundheits- und Wirtschaftspolitik. In anderen Politikbereichen ist es selbst­verständlich, dass vor bestimmten Maßnahmen eine Technologie- beziehungsweise Umweltfolgenabschätzung vorgenommen wird. Analog hierzu wäre die Einführung einer Gesundheitsfolgenabschätzung geboten, um die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf die Gesundheitswirtschaft einzubeziehen. Es dürfen bei gesundheitspolitischen Entscheidungen nicht einseitig nur eventuelle nachteilige Auswirkungen auf die Wirtschaft berücksichtigt werden, während bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen wie zum Beispiel Lockerungen während der Pandemie nur die wirtschaftlichen Vorteile gesehen werden.

Corona-Knick - Grafik: Medizinische Versorgung hat Löwenanteil - 800px

Hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistungskraft sowie der Zahl der beschäftigten Menschen ist die medizinische Versorgung (Krankenhäuser, Arztpraxen, Pflege und Rehabilitation) der größte Bereich der Gesundheitswirtschaft. Er allein erbrachte im Jahr 2020 rund 54 Prozent der gesamten gesundheits­wirtschaftlichen Bruttowertschöpfung (364,5 Milliarden Euro). Zugleich hat sie mit ihren 4,7 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern den größten Anteil (63 Prozent) an allen Stellen der gesamten Branche.
 
Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2021

International gibt es bereits Vorstöße in diese Richtung. So wird zum Beispiel vorgeschlagen, bei den regelmäßigen Be­urteilungen der Wirtschaftspolitik von Staaten durch den Internationalen Währungsfonds, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Europäische Union sich nicht länger auf rein wirtschaftliche Fragen zu beschränken und die Gesundheitspolitik der Länder isoliert zu analysieren. Stattdessen sollte bei der Beurteilung der Wirtschaftspolitik eines Landes auch die Leistungsfähigkeit seines Gesundheitssystems einbezogen werden. Das ist, ins­besondere im Hinblick auf die Bekämpfung von Pandemien, ein erster wichtiger Schritt in Richtung einer einheitlichen Wirtschafts- und Gesundheitspolitik.

Zu stark auf Kosten fixiert.

Grundsätzlich belegen die dargestellten Entwicklungen, dass es an Investitionen in die Gesundheitswirtschaft, sei es in die Forschung und Entwicklung, die Gewinnung von Fachkräften oder die medizinische Grundausstattung, nach wie vor mangelt. Dass die Politik den Investi­tionen in die Gesundheitswirtschaft verhalten gegenübersteht, ist dadurch begründet, dass primär die Kosten gesehen werden und nicht der zukünftige Nutzen von Investitionen, der sich aus einer gesünderen und damit länger arbeitsfähigen Bevölkerung ergibt. Der enge Zusammenhang von Gesundheits- und Wirtschaftsentwicklung wird für viele erst offensichtlich, wenn aufgrund von Limitierungen in der Gesundheitsversorgung die wirtschaftliche Entwicklung leidet.

Mehr Investitionen nötig.

Die Corona-Pandemie und deren Folgen haben erhebliche Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und die Entwicklung des Gesundheitswesens. Vor allem die negativen wirtschaftlichen Effekte machen deutlich, wie wichtig Investitionen in die Gesundheitswirtschaft sind. Die Entwicklung von Corona-Impfstoffen hat gezeigt, dass im inter­nationalen Wettlauf diejenigen Staaten vorne gelegen haben, die den Investitionen in die Forschung und Entwicklung eine besonders hohe Bedeutung beigemessen haben.

Somit hat die Pandemie nicht nur den bereits länger bestehenden Fachkräftemangel zum Vorschein gebracht, sondern auch die Notwendigkeit von Investitionen in die Gesundheitswirtschaft unter­strichen, die einen direkten Einfluss auf die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung haben.

Durch die in den einzelnen Bereichen der Gesundheits­wirtschaft getätigten Investitionen lassen sich nicht nur zahl­reiche neue Jobs schaffen. Letztlich erhöhen Investitionen die Innovationskraft der Gesundheitswirtschaft und verbessern die Gesundheitsversorgung. Eine gute Gesundheitsversorgung ist Garant für eine möglichst störungsfreie Wirtschaftsentwicklung. Das hat die Corona-Pandemie deutlich gezeigt.

Glossar:

Bruttowertschöpfung

Wert aller Güter und Dienstleistungen ab­züglich der in den Produktionsprozess eingeflossenen Vorleistungen.

Gesundheitswirtschaft

Oberbegriff für alle Güter und Dienstleis­tungen mit einem Gesundheitsbezug. Der Kernbereich, auch erster Gesundheitsmarkt genannt, umfasst den Bereich der „klassischen“ Gesundheitsversorgung, den größtenteils die gesetzliche und die pri­vate Kranken- und Pflegeversicherung finanzieren. Der zweite Gesundheitsmarkt bezeichnet alle von Privathaushalten finanzierten Produkte und Dienstleistungen rund um die Gesundheit. Zum zweiten Gesundheitsmarkt gehören zum Beispiel freiverkäufliche Arzneimittel und individuelle Gesundheitsleistungen, Sport und Wellnessangebote, Gesundheitstourismus und Ernährung.

Indirekte Effekte

Durch den Bezug von notwendigen Vorleistungsgütern, zum Beispiel Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, lösen Unternehmen der Gesundheitswirtschaft Produktionsprozesse in anderen Unternehmen und Organisationen aus, etwa die Medizintechnik-Unternehmen in der Metallindustrie. Dadurch erhöht sich die Produktion bei Zulieferern. Diese beziehen ebenfalls Vorleistungen, die zu Produktionsanstößen führen. Somit löst die Nachfrage entlang der gesamten Wertschöpfungskette ökonomische Effekte aus.

Induzierte Effekte

In einer weiteren Stufe führen die von den Erwerbstätigen wegen der direkten und der indirekten Effekte erzielten Einkommen zu Konsumausgaben. Dieser Konsum bedeutet gleichzeitig eine Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen, die erstellt werden müssen. Deren Produktion löst wiederum Nachfrageimpulse aus, die zu weiteren Produktions- und Beschäftigungseffekten führen.

G+G-Redaktion

Sandra Hofmann ist Forschungsleiterin Internationale Sozialpolitik am Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR.
Rüdiger Leidner, Volkswirt und ehemaliger Beamter im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, ist freier Mitarbeiter im WifOR.
Hanna Hryhorova ist dort wissenschaftliche Mitarbeiterin.
Oliver Weiss ist Illustrator und Designer.
Bildnachweis: Titelbild Startseite: iStock.com/jat306
Schreiben Sie der Redaktion.