Diversität

Debatte: Gesundheitliche Teilhabe für alle

Der Zugang zu Gesundheit darf nicht von Alter, Geschlecht oder Religion abhängen, sagen Dr. Doreen Müller und Prof. Dr. Andrea D. Bührmann. Sie sehen Forschung, Lehre und Praxis in der Pflicht, Normalitätsvorstellungen zu reflektieren und Vielfalt in Medizin und Pflege anzuerkennen.

Das Menschenrecht auf Gesundheit

ist in Deutschland bislang nicht für alle gleichermaßen verwirklicht. Gemeint ist damit laut Artikel 12 des UN-Sozialpakts das höchste erreichbare Maß an körperlicher und geistiger Gesundheit. Je nach zum Beispiel Geschlecht oder Geschlechts­identität, sexueller Orien­tierung, sozioökonomischem Status, Ethnizität, Alter, Behinderung oder Religionszugehörigkeit haben Menschen unterschiedliche Chancen auf Gesundheit. Dies beginnt schon bei den Chancen auf gesundheitsförderliche Lebens­be­dingungen, zum Beispiel beim Wohnen, der Ernährung und den Arbeitsbedingungen. Auch beim Zugang zum Ge­sund­heits­system, bei der Diagnosestellung und im Umgang mit Fachkräften des Gesundheitswesens erleben Menschen mit bestimmten Hintergründen Benachteiligungen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Menschen, also soziale Vielfalt, prägen moderne Gesellschaften. Allerdings meinen unterschiedliche Dimensionen von Vielfalt nicht nur bunte gesellschaft­liche Vielfalt. Denn Zuschreibungen und Erwartungen, die an die Vielfaltsdimensionen geknüpft sind, basieren häufig auf Stereo­typen und gehen mit Benach­teiligungen und Privilegierungen einher. Dabei sind die Vielfaltsdimensionen auf komplexe Weise miteinander verwoben. So zeigen sich beispiels­weise an der Schnittstelle von Geschlecht und Alter spezifische Benachteiligungen, etwa wenn Frauen im Alter häufiger armuts­gefährdet sind als Männer.

Erwartungen basieren häufig auf Stereoptypen und gehen mit Benachteiligungen einher.

Nicht nur die – aus Sicht der Privilegierten – „Anderen“, sondern alle Menschen sind in Vielfaltsdimensionen positioniert. Diese Positionierung bestimmt über unsere Teilhabe- und Verwirklichungschancen und damit auch über unsere Chancen, unser Menschenrecht auf Gesundheit verwirklichen zu können.

Vielfalt stärker berücksichtigen.

Im Gesundheitswesen ist die Auseinandersetzung um die Diversität der Patientinnen und Patienten noch ein recht neues Thema. In der Medizin gibt es Ansätze, die Bedeutung der Geschlechter stärker zu be­rück­sichtigen: Unterschiedliche Symptome von Frauen und Männern bei bestimmten Erkrankungen sollen erkannt und die Dosierung von Medikamenten nicht länger ausschließlich an Männern ausgerichtet werden. In der Pflege gibt es Debatten um „kultursensible“ oder „transkulturelle“ Ansätze und in der Logopädie werden Mehrsprachigkeit in der Sprachtherapie oder Anforderungen an die Stimmtherapie mit Trans-Personen thematisiert. In der Physiotherapie ist die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen ein bedeutendes Thema. In der Geburtshilfe werden Zusammenhänge zwischen sozialem Status und Schwangerschafts- und Geburtsverlauf untersucht.

Curricula der Gesundheitsberufe anpassen.

Diese Beispiele zeigen vielversprechende Bestrebungen. Jedoch liegt der Fokus häufig auf einzelnen Vielfaltsdimensionen. Eine Berücksichtigung von Diversität als komplexes Zusammenspiel und Problem ungleicher gesundheitlicher Teilhabechancen ist noch kaum etabliert. Für eine Diversity-Perspektive sind Anstrengungen in Forschung, Lehre und Praxis nötig: Die Forschung ist gefordert, ungleiche Teilhabechancen aufzuzeigen und Maßnahmen für ein diversitätsgerechtes Gesundheitswesen wissenschaftlich zu begleiten. In der Lehre müssen diese Erkenntnisse einen festen Platz in den Curricula der Gesundheitsberufe und in regelmäßigen Fort- und Weiterbildungen erhalten.

Fachkräftemangel durch Diversität entgegentreten.

In der Praxis sollten alle Menschen – unabhängig von ihren individuellen Hintergründen – Zugang zur Gesundheitsversorgung erhalten. Nicht nur bauliche, sondern zum Beispiel auch sprachliche Barrieren müssen verringert werden. Gleichzeitig spielt Diver­sität für Gesundheitseinrichtungen bei der Bewältigung des Fachkräftemangels eine wichtige Rolle. Sie müssen bei der Personalgewinnung neue Zielgruppen erreichen, sich auf Mit­arbeitende mit unterschiedlichen Hintergründen einstellen und entsprechende Rahmenbedingungen bieten.

Bei der Interaktion zwischen Fachkräften und Patientinnen und Patienten, aber auch innerhalb von divers zusammengesetzten Teams, ist die Weiterentwicklung von Diversity-Kompetenzen in den Bereichen Wissen, Haltung und Können ein zentraler Ansatzpunkt. Damit verbunden ist die Reflexion eigener Normalitätsvorstellungen. Die Entwicklung hin zu einem diversitätsgerechten Gesundheitswesen voranzutreiben, trägt also wesentlich dazu bei, mehr gesundheitliche Teilhabe zu ermöglichen.

Doreen Müller ist wissenschaftliche Koordinatorin am Institut für Diversitätsforschung an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen.
Andrea D. Bührmann ist Direktorin an diesem Institut.
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