Reportage

Glücksfall aus Zufall

Seit zwei Jahren kümmert sich Fevzie N. um ihren pflegebedürftigen Mann Beyzhet. Ein Fulltime-Job, bei dem es anfangs holprig zuging. Dass mittlerweile alles gut ­organisiert ist, verdankt das Ehepaar auch Serap Yagci. Thomas Hommel (Text) und Marc-Steffen Unger (Fotos) haben die Pflegeberaterin einen Tag lang begleitet.

Man kann die Geschichte von Beyzhet N. (57) und seiner Ehefrau Fevzie (57) als eine trau­rige Geschichte erzählen. Als eine, bei der das Schicksal hart zugeschlagen hat – und zwar genau in dem Moment, in dem beide es wohl am wenigsten erwartet hätten. Diese Geschich­te ginge so: Anfang 2016 entschließen sich Beyzhet und Fevzie N. dazu, von Istanbul nach Berlin zu ziehen. Es ist der zweite Neustart. Denn geboren und aufgewachsen sind beide in Bulgarien – als An­gehörige der Minderheit der „Balkantürken“. Ende der 1980er Jahre fassen sie zum ersten Mal den Entschluss,  auszuwandern. Sie packen Hab und Gut zusammen und gehen in die Türkei. Beyzhet N. arbeitet dort als Fahrer eines Tanklast­wagens, Ehefrau Fevzie heuert bei einem Unternehmen an, das Pelzmäntel in alle Welt verkauft. Nebenbei dolmetscht sie für die Firma Russisch. Im April 2016 dann der Umzug nach Deutschland. Der Familie wegen. Beyzhet und Fevzie N. wollen Tochter Eliz O. wieder regelmäßig sehen. Die 35-Jährige ist nach ihrer Hochzeit 2011 nach Berlin gezogen und hat ihren Eltern seither viel von dem bunten Treiben und den vielen großen Parks erzählt.

Pflegeberaterin Serap Yagci auf dem Weg zu Beyzhet N. Mit der Familie will sie Details der Begutachtung durch den Medizi­nischen Dienst der Krankenversicherung besprechen.

Mit einem Schlag ist alles anders.

Es ist ein milder Frühling in Berlin. Ideal, um mit Ehefrau Fevzie, Tochter Eliz und Schwiegersohn Osman neu durchzustarten. Aber es kommt anders: Im Juni 2016 erleidet Beyzhet N. einen schweren Schlaganfall. Der schmeißt alle Pläne der Familie über den Haufen. Beyzhet N. sitzt im Rollstuhl. Seine rechte Hand ist schlaff, die Beine hängen zu Boden. Er leidet an Diabetes. Vom zuständigen Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) hat er Pflegegrad 4 zuerkannt bekommen. Im Fachjargon heißt das: „schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“. Im Alltag bedeutet es: Beyzhet N. ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Er, der vor ein paar Monaten noch einen 30-Tonner durch Anatolien gelenkt hat. Man kann die Geschichte von Beyzhet N. und seiner Frau Fevzie so erzählen. Als eine traurige Geschichte. Man kann sie aber auch anders erzählen. Als eine Geschichte über Zufall, Kraft, Rat von außen – und sehr viel Liebe. Als eine Geschichte, die Mut macht. Und die geht so:

Besuch aus dem Pflegestützpunkt.

Fevzie N. serviert großzügig geschnittene Stücke einer hellen Cremetorte. Die sei nach einem alten bulgarischen Rezept zubereitet, erzählt die kleine, aber resolute Frau mit freundlichem Gesicht und leicht schiefem Dutt auf dem Kopf. Butter, Sahne und Zucker sind in der Torte drin, obendrauf reichlich Walnüsse. Nach dem Schlaganfall ihres Mannes achte sie ja schon auf gesunde Ernährung, sagt Fevzie. Viel Salat, wenig Fleisch und keinen Raki-Schnaps mehr.

Heute aber muss es Torte sein. Das süße Runde ist ein Zeichen der Gastfreundschaft. Serap Yagci (41) vom Pflegestützpunkt Berlin-Schöneberg ist zu Besuch. Serap Yagci hat einen rosa­farbenen Hefter mit Formularen, Checklisten und bunten Broschüren unter den linken Arm geklemmt. Dinge, die eine Pflegeberaterin – neben wachen Augen, offenen Ohren und reichlich Empathie – braucht, um im Pflegefall weiterhelfen zu können. Serap Yagci will Beyzhet N. und Ehefrau Fevzie auf den bevorstehenden Besuch des Pflege­gutachters vom MDK vor­bereiten.

Fragen klären und Ängste nehmen.

„Vor der Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen empfiehlt es sich immer, eine Beratung einzuholen“, sagt Yagci. „So können wir die Begutachtungssituation schildern, den Pflegebedürftigen gezielt darauf vorbereiten und ihm auch seine Angst nehmen.“ Häufig seien die Pflegebedürftigen aufgeregt. „Viele sammeln kurz vorher noch einmal sämtliche Kräfte, um während der Begutachtung zu zeigen, was sie noch alles selber tun können. Ist der MDK-Gutachter dann aus der Tür, sind sie völlig erschöpft. Deshalb raten wir ihnen, während der Begutachtung nicht die Helden zu spielen. Besser ist es, sich so zu verhalten wie immer. Nur dann kann der Gutachter realistisch einschätzen, wie groß der Pflegebedarf wirklich ist.“ Beyzhet und Fevzie N. hören der Pflegeberaterin aufmerksam zu. Die drei sprechen türkisch miteinander. Ein Satz sucht und findet den nächsten. Mal geht es ernst zu, mal wird gescherzt. Serap Yagci ist zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen. Aber ihre Eltern kommen aus Nordostanatolien – in den 1970er Jahren zogen sie als Gastarbeiter hierher. 

Eine lange Zeit des Hoffens und Bangens.

Beyzhet und Fevzie N. nennen Serap Yagci einen Glücksfall. Dabei war es auch Zufall, dass die Familie auf die Pflegeberaterin mit türkischen Wurzeln aufmerksam wurde. Tochter Eliz erzählt Details: Nach dem Schlaganfall ihres Vaters seien alle wie am Boden zerstört ge­wesen. Ärzte hätten ihn künstlich beatmen und ernähren müssen. Eine Zeit des Hoffens und Bangens habe da begonnen. Und sie habe sich hingezogen wie eine lange Reise mit unbekanntem Ziel. Vom Krankenhaus sei der Vater in die Rehaklinik verlegt worden. Dort hätte man ihn langsam von der Beatmung entwöhnt und ihm wieder das Sprechen, Trinken und Essen beigebracht. Rückkehr zu ein bisschen Normalität. Dennoch habe sich die Familie gefragt: Was kommt nach der Klinik? Eines Tages, erzählt Eliz, habe sie dann in der Rehaklinik wie zufällig mehrere Broschüren entdeckt. Darunter sei auch ein Flyer über Beratung bei Pflege gewesen. Sie habe darin zu blättern begonnen und sei auf den Namen Serap Yagci gestoßen. Eine Frau mit türkischem Namen! Jemand, der unsere Sprache spricht und der uns vielleicht helfen kann. Eliz hebt die Hände – so als wolle sie einen Dankesgruß nach ganz oben schicken. „Hätte ich damals nicht in diesen Unterlagen geblättert und wäre auf den Namen von Frau Yagci gestoßen, wer weiß, wie alles ausgegangenen wäre für unsere Familie.“

Vertrauen gefasst: Pflegeberaterin ­Serap Yagci verabschiedet sich von Beyzhet N.

Ein besonderer, weil komplexer Fall.

Serap Yagci fährt sich mit der Hand durch ihre wuchtigen, dunkelbraunen Haare. Ihre Augen fliegen über ihren von Papieren, Broschüren, Ordnern, Stiften und kleinen bunten Klebezetteln belagerten Schreibtisch, der im Büro des Pflegestützpunktes Berlin-Schöneberg steht. 36 dieser Anlaufstellen, in den rund 100 Pflege- und Sozial­berater tätig sind, gibt es derzeit in der Hauptstadt. Träger sind neben dem Land Berlin die Kranken- und Pflege­kassen. In Trägerschaft der AOK Nordost sind zehn der Stützpunkte – darunter auch der in Berlin-Schöneberg. Serap Yagci kramt Unterlagen hervor und erinnert sich an den ersten Kontakt mit der Familie von Beyzhet N. „Das war Ende August 2016 – knapp drei Monate nach dem Schlaganfall.“ Ein besonderer, weil komplexer Fall sei es gewesen. Das Ehepaar habe ja gerade mal zwei Monate in Deutschland gelebt und so gut wie kein Wort Deutsch gesprochen. Fremd in der neuen Heimat – ohne blassen Schimmer, was gegenüber Behörden oder Kassen im Krankheits- und Pflegefall zu tun ist. Obendrein habe Beyzhet N. zum Zeitpunkt des Schlaganfalls noch nicht die Voraussetzung erfüllt, um Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen zu können. Denn laut Gesetz hat nur derjenige Anspruch auf Pflegeleistungen, der innerhalb der letzten zehn Jahre vor Antragstellung mindestens zwei Jahre in der Pflegeversicherung versichert gewesen ist. „Also musste ein Antrag auf Hilfe zur Pflege beim zuständigen Bezirksamt gestellt werden“, erzählt Serap Yagci. Bis die Behörde reagierte und die Pflegebegutachtung erfolgte, seien einige Monate verstrichen. „Das hat die Geduld der Familie, aber auch meine, ganz schön auf die Probe gestellt.“

Am liebsten in den Schlosspark.

Inzwischen ist die häusliche Pflege von Beyzhet N. gut organisiert. Zusammen mit Frau Fevzie lebt er seit mehr als einem Jahr in einer Erdgeschoss-Wohnung in einer Hochhaussiedlung im Nordosten von Berlin. Ein separater, rollstuhlgerechter Zugang zur Wohnung erleichert den Alltag. Bad und Küche sind mit Schiebetüren versehen. Die Terrasse ist geräumig und eröffnet einen Blick in den begrünten Innenhof des Wohnblocks. Anfangs unterstützte ein ambulanter Pflegedienst die Familie. Zweimal am Tag kam eine Pflegekraft zur Behandlungspflege vorbei: Blutzuckerwerte messen, Insulin spritzen, Medikamente verabreichen. Inzwischen hat Fevzie N. die komplette Pflege ihres Mannes übernommen. Tochter Eliz unterstützt sie dabei. Fast täglich ist sie zu Besuch bei den Eltern, packt an, kauft ein, erledigt Behördengänge. Auch Schwiegersohn Osman hilft, wenn er kann. Wenn sich Beyzhet N. gut fühlt, setzen sich die beiden in ­Osmans Auto und fahren los. Am liebsten in den Charlottenburger Schlosspark oder in die Hasenheide in Kreuzberg. Dort sind an den Sommerwochenenden Hunderte Menschen mit Grill unterwegs. Beyzhet N. hat das früher auch gerne gemacht. Jetzt schaut er den anderen zu, hält seine Nase in die Luft und genießt den Duft kleiner Lammkoteletts.

Gemeinsam aufwachen – immer wieder, immer noch.

Ihren Job als Reinigungskraft hat Fevzie N. aufgegeben. Auf Dauer sei es zu anstrengend gewesen, Pflege und Job unter einen Hut packen zu müssen. Außerdem wolle sie ganz für ihren Mann da sein, sagt sie und legt die Hand auf seine Schulter. Ein vertrautes Bild. Immerhin kennen sich die beiden schon eine Ewigkeit. In der siebten Klasse, erzählt Beyzhet, habe er seine Fevzie zum ersten Mal gesehen und sich sofort verliebt. 1982 hat er sie geheiratet. Und will sie nicht mehr missen. Das Schönste in ihrem Leben, sagen die beiden, sei es, jeden morgen aufzuwachen und einander zu sehen. Immer wieder, immer noch.

Bei der AOK sind knapp 50 Prozent der rund 2,9 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland versichert. Für ihre Pflegeberatung setzt die Gesundheitskasse bundesweit 830 speziell geschulte Fachkräfte ein, die zu Hause, in Geschäftsstellen, Pflegestützpunkten oder am Telefon beraten, bei Entschei­dungsfindungen zur Seite stehen und als Lotsen fungieren. Über 85.000 Pflegebedürftige wurden allein im vergangenen Jahr von AOK-Pflegeberatern kassenindividuell unterstützt und betreut. Wenn möglich, findet die Beratung nicht nur in deutscher, sondern auch in einer Fremdsprache wie zum Beispiel Türkisch statt. Die AOKs bieten darüber hinaus besondere Angebote an. Die AOK Nordost zum Beispiel gibt pflegenden Angehörigen mit dem Programm „PfifF – Pflege in Familien fördern“ die Möglichkeit, sich in Kursen für die Pflegetätigkeit zu schulen. Ein wachsender Fokus der AOK-Pflegeberatung gilt auch den geschätzt 230.000 Kindern und Jugendlichen, die Aufgaben und Verantwortung bei der Pflege übernehmen.

 

Weitere Informationen zum Programm PfiFf   

Anspruch auf Beratung.

Birgit Burmeister (56) schlägt die Beine übereinander und rückt ihre weinrote Brille zurecht. Dass Fevzie N. und Tochter Eliz den Weg in den Pflegestützpunkt gefunden hätten, sagt die Teamleiterin Pflegeberatung und Pflegestützpunkte bei der AOK Nordost, sei eine gute Entscheidung für die Familie gewesen. Denn pflegende Angehörige wie Fevzie und Eliz stemmten einen Fulltime-Job. „Die Belastungen sind enorm.“ Inzwischen sei sogar nachgewiesen, dass pflegende Angehörige mit einem sehr hohen Prozentsatz irgendwann selber unter Skelett- oder psychischen Erkrankungen leiden würden. „Wir wollen helfen und entlasten.“ Das gilt auch für die vielen Fragen, die bei einem plötzlich auftretenden Pflegefall oft wie Gewitterregen auf die Beteiligten niederprasseln: Wo finde ich einen Pflegedienst? Welches Heim passt, wenn die Pflege zu Hause nicht möglich ist? Was zahle ich zu? Darf ich als pflegender Angehöriger auch mal in den Urlaub fahren? Steht mir eine Haushaltshilfe zu? Was ist zu beachten, wenn ich ein Pflegebett beantragen muss – oder einen neuen Rollstuhl? Und was, wenn die Mutter dement ist, es aber keine Vollmacht für diese oder jene Entscheidung gibt? 

„Das Thema Pflege ist recht kompliziert. Für Laien ist es mitunter schwer, sich da allein zurechtzufinden“, sagt Birgit Burmeister, die für fünf Pflegestützpunkte in mehreren Bezirken Berlins verantwortlich ist. Und weil sie Laien in Sachen Pflege sind, haben Pflegebedürftige wie Angehörige einen Anspruch auf kostenlose Pflegeberatung durch speziell geschulte Fachkräfte. Die Beratung erfolgt telefonisch, in einer Geschäfts- und Beratungsstelle oder zu Hause. Allein für die AOK sind bundesweit 830 Pflegeberaterinnen und Pflegeberater im Einsatz – in Städten und Ballungszentren genauso wie in ländlichen Regionen.

Serap Yagci (r.) vom Pflegestützpunkt Berlin-Schöneberg und ­Teamleiterin Birgit Burmeister sichten neue Angebote für Pflegebedürftige.

Lotsin und Kümmerin.

Die Pflegestützpunkte, in denen etwa in Berlin Beratung bei Pflege angeboten wird, seien zur Neutralität verpflichtet, betont Birgit Burmeister. Soll heißen: Jeder gesetzlich Versicherte kann in die Beratungsstelle kommen – unabhängig davon, welche Farbe seine Versichertenkarte hat. „Wir empfehlen auch keinen Pflegedienst oder Pflegeheim. Wir fungieren als Lotsen und zeigen verschiedene Optionen auf.“ Die Entscheidung, welche Option die richtige ist, liege beim Pflegebedürftigen und seinen Angehörigen. Manchmal falle es den Pflegeberatern nicht leicht, das zu akzeptieren, sagt Burmeister. So kommt es vor, dass eine Leistung oder ein Hilfsangebot ausgeschlagen wird, obwohl sich dadurch die persönliche Pflegesituation verbessern ließe. Wird etwa der barrierefreie Umbau der Wohnung empfohlen, lehnen das manche Pflegebedürftige ab, weil sie einen Eingriff in ihre Privatsphäre fürchten. „Aber die Entscheidung liegt nun einmal bei den Betroffenen, nicht bei uns“, betont Burmeister. Wichtig sei auch die Botschaft an die Hilfesuchenden: Über Pflegeleistungen entscheidet die Pflege- oder die Krankenkasse. „Wir stehen bei der Antragstellung nur beratend zur Seite.“ Auch Serap Yagci vergleicht ihre Arbeit mit der einer Lotsin und Kümmerin. Und der einer Bibliothekarin. „Die kann man immer dann aufsuchen, wenn man zu einem bestimmten Thema die passende Informationen braucht und das entsprechende Buch dazu sucht.“ Ihre Bücher seien halt die Sozialgesetzbücher. Pflegeberatung, sagt Yagci, sei dann gut und erfolgreich, wenn der Ratsuchende einen Einblick in das Pflegesystem bekomme und wisse, „welchen Schritt er als nächstes machen muss“. Kämen die Menschen wieder zu ihr, dann sei das ein gutes Zeichen. „Denn es bedeutet ja, dass sie oder er Vertrauen zu mir gefasst hat.“ Und ohne Vertrauen gehe in der Pflegeberatung nichts. Die Entscheidung für eine Beratung sollte deshalb auch freiwillig bleiben. „Das Ganze basiert ja auf einer Komm-Struktur“, betont Birgit Burmeister. „Sie können zu uns kommen, können aber auch fern bleiben.“ Zwang schrecke die Menschen nur ab. „Sie brauchen in der Pflegeberatung die Bereitschaft der Ratsuchenden, dabei mitzumachen. Wenn ich jemanden zu etwas verpflichte, dann leidet diese Bereitschaft darunter.“

Umfragen zeigen, dass die Leistung „Pflegeberatung“ vielen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen noch unbekannt ist. So macht laut einer Befragung des Zentrums für Sozialforschung Halle im Auftrag der AOK jeder zweite AOK-Versicherte, der Leistungen der Pflegekasse erhält und noch keine Pflegeberatung in Anspruch genommen hat, keinen Gebrauch davon. Der Grund: Nur 48 Prozent dieser „Nicht-Nutzer“ kennen die Pflegeberatung. Simone Burmann, stellvertretende Leiterin der Abteilung Pflege beim AOK-Bundesverband, sieht daher Handlungsbedarf. „Ziel muss sein, dass möglichst alle Menschen das Angebot der Pflegeberatung kennen – am besten bevor sie überhaupt auf Unterstützung angewiesen sind.“

Die Befragung der AOK zeigt aber auch, dass diejenigen, die Pflegeberatung nutzen, zufrieden damit sind. Ob Fachkompetenz, Verständlichkeit, Empathie, Freundlichkeit oder Objektivität – die AOK erzielt bei all dem gute Noten. Die Umfrage belegt, dass die Pflegeberaterinnen und -berater in der Lage sind, die Lebens- und Pflegesituation der Betroffenen schnell und nachhaltig zu stärken. So gibt die Hälfte der Befragten an, dass sich durch die Beratung ihre Pflegesituation verbessert hat (48 Prozent) oder Angehörige Hilfe bekommen haben (47 Prozent). Auf die Herausforderung steigender Beratungsbedarfe sei die AOK gut vorbereitet, so Burmann. „Denn für uns ist Pflegeberatung eine Herzensangelegenheit.“

 

Weitere Informationen zur Pflegeberatung

Hausärzte sollten Multiplikatoren sein.

Die Werbetrommel für die Pflegeberatung muss dennoch weiter gerührt und das Angebot bekannter gemacht werden. Denn etliche Versicherte wissen davon bislang kaum etwas. Das gilt sogar für diejenigen, die bereits Leistungen ihrer Pflegekasse beziehen, wie aktuelle Umfragen zeigen. Häufig erfahren Pflegebedürftige und Angehörige per Mund-zu-Mund-Propaganda, dass es einen Pflegestützpunkt in der Nähe gibt oder in einer Geschäftsstelle auch zum Thema Pflege beraten wird. Birgit Burmeister sieht neben den Pflegekassen auch die Ärzte in der Verantwortung. „Hausärzte, Internisten und Neurologen wären Super-Multiplikatoren für uns. Sie kennen viele Patienten gut. Außerdem sind Ärzte für viele ältere Menschen Vertrauenspersonen.“ Wenn die sagen: Gehen sie da ruhig mal hin, machen sie das in der Regel auch.“ Aber auch ein paar Flyer im Wartezimmer wären schon „immens hilfreich“.

Demografie lässt Nachfrage nach Hilfe steigen.

Der Bedarf an Beratung nimmt in jedem Fall zu. Denn mit einer wachsenden Zahl älterer, teilweise hochbetagter Menschen geht auch eine deutliche Zunahme von Pflegebedürftigkeit einher. Besondere Unterstützungsbedarfe bei Demenzkranken, Kindern oder Menschen mit Migrationshintergrund – wie etwa Beyzhet und Fevzie N. – tun ein Übriges. Und auch der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff, der seit 2017 gilt und bei dem der Grad an Selbstständigkeit eines Menschen im Mittelpunkt der Begutachtung durch den MDK steht, wirft bei vielen Pflegebedürftigen und Angehörigen Fragen auf. „Wann jemand als pflegebedürftig im Sinne des neuen Pflegebegriffes gilt, ist für die Betroffenen schwerer zu verstehen als vorher. Die Abgrenzung, wo Selbstständigkeit aufhört und Unselbstständigkeit beginnt, diese Grenze zu ziehen fällt vielen noch nicht leicht“, fasst Birgit Burmeister bisherige Erfahrungen im Umgang mit der neuen Pflege-Philosophie zusammen. „Hier bestand und besteht hoher Aufklärungsbedarf.“

Mit dem Flieger in den Urlaub.

Der Familie von Beyzhet N. gehen derweil andere Dinge durch den Kopf. In ein paar Tagen wollen sie nach Bulgarien fliegen, um die Eltern von Beyzhet zu be­suchen. Er will sie unbedingt noch einmal sehen und in den Arm nehmen. Doch so eine Reise will gut vorbereitet sein, zumal ein pflegebedürftiger Mensch mit Rollstuhl auf Reisen geht. Da sind nicht bloß Koffer zu packen, sondern auch noch ein paar Fragen mit der Pflegekasse zu klären. Serap Yagci ist optimistisch. „Wir haben im Vorfeld alles Nötige besprochen und in die Wege geleitet.“ Beyzhet N. lässt seine linke Hand kreisen – als mache er einen Passagier-Jet beim Start nach. Er freut sich auf das Wiedersehen mit den Eltern. Vor dem Flug aber hat er Bammel. Ehefrau Fevzie streicht ihm sanft über die Schulter. Wir beide, mag sie denken, haben schon so viel erlebt und gemeinsam durch­gestanden. Da ist das, was jetzt kommt, doch ein Klacks. Fevzie N. hebt den Kopf und lächelt. „Und Sie? Möchten Sie noch ein Stückchen Torte?“

Thomas Hommel ist Chefreporter der G+G.
Marc-Steffen Unger ist Fotojournalist.
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