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Vorstand gefragt!

„Wir wollen die Versorgung mit innovativen Lösungen mitgestalten“

Mit einer Vielzahl von Projekten setzt sich die AOK in Bayern für eine gute Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten ein. Mit ihrem Zentralisierungsstreben engt die Politik allerdings die Spielräume dafür ein. Dabei wäre für eine gute regionale Versorgung das Gegenteil nötig, meint Dr. Irmgard Stippler, Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern.

G+G: Weiße Gipfel, grüne Wälder: Bayern ist der Inbegriff einer schönen Urlaubslandschaft. 90 Prozent der Fläche sind ländlich geprägt und somit nicht allzu dicht besiedelt. Was bedeutet das für die Gesundheitsversorgung – heute und in Zukunft?

Irmgard Stippler: Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt, dass die Menschen in Bayern heute noch zufrieden mit der Gesundheitsversorgung vor Ort sind, sich aber auch über die Entwicklung sorgen. Haus- und Fachärzte gehen in den Ruhestand und haben vor allem in den ländlichen Gebieten Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Die Bürger fragen sich, ob sie auch künftig auf dem Land gut medizinisch versorgt sein werden und wie weit die Wege zum nächsten Hausarzt, Krankenhaus oder Pflegeeinrichtung sein werden. Sie wünschen sich die Sicherheit, auch weiterhin die nötigen Ärzte und Krankenhäuser in ihrer Nähe zu finden. Um das zu gewährleisten, werden wir sicherlich auch neue Wege gehen müssen. Die Forsa-Umfrage hat uns gezeigt, dass die Menschen durchaus aufgeschlossen für innovative Versorgungsideen sind.

G+G: Als AOK haben Sie das Selbstverständnis, „Kümmerer vor Ort“ zu sein. Mit welchen Strategien begegnen Sie den Problemen?

Stippler: Als Gesundheitskasse sind wir nah bei den Menschen vor Ort. Gemeinsam mit unseren Gesundheitspartnern wie Ärzten, Krankenhäusern, Pflegekräften oder Physiotherapeuten müssen wir deshalb in jeder Region passgenaue, spezifische Lösungen für die Bedürfnisse der Bevölkerung entwickeln. Wir wollen die Gesundheitsversorgung von morgen mit innovativen Lösungen mitgestalten: Dafür testen wir in vielen regionalen Projekten, was wir wie in ländlichen Regionen verbessern können. Bei solchen Leuchtturmprojekten kann jede Region individuell entscheiden: Welche Aspekte lassen sich übernehmen und für meine Region weiterentwickeln? Es muss individuell passen. Es gibt keine Blaupausen.

G+G: Die AOK arbeitet in Bayern mit 14 Arztnetzen zusammen, dazu gehört „Unternehmung Gesundheit Hochfranken“ (UGHO). Welche Rolle spielen Netze bei der guten Versorgung in der Region?

Stippler: Die Netze bestehen aus niedergelassenen Ärzten einer Region, die sich zu einem Verbund zusammengeschlossen haben. Beim UGHO-Arztnetz kooperieren beispielsweise rund 70 Haus- und Fachärzte aus den Landkreisen Hof und Wunsiedel, die mittlerweile über 1.500 unserer Versicherten betreuen. Sie kooperieren eng miteinander, um die Patientenversorgung zu verbessern. Die Patienten profitieren von dem spezialisierten Fachwissen der Ärzte und einer gut koordinierten Behandlung, so lassen sich beispielsweise unnötige und teure Doppeluntersuchungen vermeiden. In den beiden sehr ländlich geprägten Landkreisen Hof und Wunsiedel setzen die UGHO-Ärzte auch telemedizinische Lösungen sowie mobile Praxisassistenten ein.

G+G: Ein weiteres Ihrer Leuchtturmprojekte aus der Initiative „Stadt. Land. Gesund“ hat den Namen „LandArztMacher“. Worum geht es?

Stippler: „LandArztMacher“ ist ein Projekt, mit dem wir Medizinstudierende für den Hausarztberuf auf dem Land begeistern möchten, die wir dringend brauchen. Der Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Blank hat dieses Projekt gemeinsam mit uns entwickelt. In den vorlesungsfreien Zeiten im Sommer und im Winter kommen Medizinstudierende aufs Land und arbeiten dort sowohl in verschiedenen Landarztpraxen als auch in Kliniken. So sollen sie den Alltag als Landarzt kennenlernen und Berührungsängste verlieren. Wir als AOK unterstützen die Studierenden finanziell und sorgen mit für den reibungslosen Ablauf. Mehr als drei Dutzend Studierende nutzen dieses Angebot mittlerweile jedes Jahr.

G+G: Dr. Blank ist bekannt für sein großes Engagement als Hausarzt und vielfach ausgezeichnet. Was außer engagierten Persönlichkeiten bedarf es noch, damit Projekte zur ländlichen Versorgung Erfolg haben?

Stippler: Entscheidend ist, dass es Menschen gibt, die kooperativ und partnerschaftlich zusammenarbeiten möchten. Menschen, die gemeinsam etwas Neues ausprobieren und Erfahrungen sammeln wollen. Das Ziel solcher Pilotprojekte ist, dass sich daraus neue Versorgungskonzepte ergeben, die unsere Gesundheitspartner und Versicherten gleichermaßen überzeugen – und die später in ganz Bayern umgesetzt werden können.

G+G: Sie kritisieren, dass die Politik auf Bundesebene den regionalen Gestaltungsspielraum für eine bedarfsgerechte und effiziente Versorgung derzeit einengt statt ihn zu erweitern. Was wären aus Ihrer Sicht die richtigen Schritte?

Stippler: Die Politik hebelt die bisherige Sozialpartnerschaft in der Selbstverwaltung zunehmend aus, zentralisiert und lässt den Krankenkassen immer weniger Gestaltungsspielräume vor Ort. Wir haben nichts gegen mehr Wettbewerb – aber es sollte ein Wettbewerb um die beste Versorgung in den Regionen sein. Wenn es am Ende nur noch um einen bundesweiten Preiswettbewerb geht, wirkt sich das negativ auf die Versorgungsqualität unserer Versicherten aus. Die bereits erwähnte Forsa-Umfrage zeigte auch, dass die Menschen in den Krankenkassen einen wichtigen Partner sehen, der sich um die Versorgung der Versicherten vor Ort kümmert.

G+G: Während der ländliche Raum mit Versorgungsproblemen zu kämpfen hat, sind Städte wie München und Nürnberg überversorgt. Worin sehen Sie die Lösung für diesen Spagat?

Stippler: Hier braucht es umfassende Lösungen. Der Morbi-RSA muss mit Blick auf die Abbildung der Morbiditäts- und Krankheitsstrukturen noch zielgenauer werden. Nur so lässt sich auf der Einnahmeseite Risikoselektion konsequent vermeiden. Die  strukturellen Unterschiede zwischen Stadt und Land dürfen im Morbi-RSA nicht auch noch durch eine Regionalkomponente, also eine Art Metropolenzuschlag, weiter verfestigt werden. Das würde letztlich nur dazu führen, dass Geld vom Land in die Städte fließt, obwohl wir es für die Versorgung in den ländlichen Regionen dringend brauchen. Davon abgesehen möchten wir als Krankenkasse die Versorgung gerade auf dem Land noch stärker mitgestalten. Und dafür braucht es einen Strukturwandel. Wir müssen zunächst die Strukturen so weiterentwickeln, dass wir auf dem Land die ambulante und die stationäre Versorgung langfristig sichern können. Und dann müssen wir uns natürlich auch um die Strukturen in den Städten kümmern.

Karola Schulte führte das Interview. Sie ist Chefredakteurin der G+G.
Bildnachweis: Jan Lauer/wdv GmbH & Co. OHG
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