Vernetzt in die Zukunft – auf einer Podiumsdiskussion diskutierten Experten mit dem Publikum, wie sich Kooperationen zwischen Selbsthilfe und Gesundheitsprofis ausbauen lassen.
Symposium

Selbsthilfe kooperiert mit Gesundheitsprofis

Immer mehr Selbsthilfegruppen engagieren sich in der Peerberatung und arbeiten dabei mit dem professionellen Gesundheitssystem zusammen. Wie Patienten davon profitieren, wurde auf einer Tagung des AOK-Bundesverbandes deutlich. Von Otmar Müller

Neue kooperative Formen der Selbsthilfe

wie Lotsenprojekte oder Peerberatung vernetzen sich immer öfter mit den Angeboten des Gesundheitssystems. Über Erfolge und Stolpersteine dieser Arbeit diskutierten rund 100 Teilnehmer der 15. Selbsthilfe-Fachtagung des AOK-Bundesverbandes mit Vertretern aus Wissenschaft, Selbsthilfe und dem Gesundheitssystem.
 
Claudia Schick, Referentin für Selbsthilfeförderung beim AOK-Bundesverband, sah noch viel Potenzial für mehr Zusammenarbeit mit der Selbsthilfe. „Die Selbsthilfe ist durch ihr Engagement zu einem nicht mehr wegzudenkenden Partner für eine qualitativ hochwertige Versorgung von Patienten geworden.“ Der enge permanente Kontakt mit Vertretern aus der Selbsthilfe verbessere auch die Gesundheitskompetenz von Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften, meinte Schick. „Sie werden empathischer für die Patientenbedürfnisse und lernen, verständlicher mit chronisch Kranken zu kommunizieren.“

Es gebe aber immer noch zu viele Ärzte, denen das geballte Betroffenenwissen aus der Selbsthilfe Respekt einflöße und die deshalb Abstand halten. „Die Grundlagen der Selbsthilfearbeit sollten daher Inhalt der Aus- und Weiterbildung von Medizinern und Pflegekräften sein und die Zusammenarbeit verpflichtend in den Qualitätssicherungsleitlinien von Praxen, Krankenhäusern und Rehakliniken aufgenommen werden.“

Netzwerk öffnet Türen.

Dass die Selbsthilfe ihr Wissen längst auch außerhalb der klassischen Gruppenarbeit anbietet, konnte Dr. Christopher Kofahl, stellvertretender Leiter des Instituts für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, mit Zahlen untermauern. „Es hat mich überrascht, wie weitreichend Selbsthilfegruppen sich nach außen orientieren“, stellte der Medizinsoziologe fest und präsentierte auf der Tagung verschiedene Studienergebnisse. So gäben etwa in der SHILD-Studie rund 43 Prozent der befragten Selbsthilfegruppen an, dass sie sich in aufsuchenden Beratungsangeboten engagieren.
 
Antje Liesener betonte hingegen, dass die verstärkte Zusammenarbeit von Selbsthilfe und Gesundheitsprofis erst am Anfang stehe. „Mehr als 80 Prozent der Gruppen wollen die Kooperation mit Fachleuten ausbauen. Aber nur die Hälfte der Gruppen erreicht auch dieses Ziel“, machte die Bundeskoordinatorin im „Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen“ deutlich. Der Grund für diese Diskrepanz: Die Selbsthilfe stehe im Gesundheitswesen immer wieder vor verschlossenen Türen. „Wir wollen das mit unserem Netzwerk ändern und die Türen öffnen“, so Liesener. Im Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit haben sich in rund 80 Projekten Kliniken und andere Gesundheitseinrichtungen aktiv mit der Selbsthilfe zusammengeschlossen, um die eigenen Strukturen patientenfreundlicher zu gestalten.

Rat aus eigener Erfahrung.

„Betroffene helfen Betroffenen – noch niedrigschwelliger geht es nicht“, fasste Frank Hübner, Leiter des Lotsennetzwerk Thüringens, den Kerngedanken seines Projekts zusammen. Beim Lotsennetzwerk unterstützen suchterfahrene abstinente Frauen und Männer andere Menschen mit einem akuten Suchtproblem. Sie kooperieren dabei mit Netzwerkpartnern der professionellen Suchthilfe. „Viele Suchtkranke kommen nach einer Entgiftung nicht im Hilfesystem an. Die Folge sind in der Regel Rückfälle und ein ewiger Kreislauf aus Entgiftung und Rückfällen“, erklärte Hübner. „Wir durchbrechen diesen Kreislauf. Von rund 1.000 Menschen, die wir bisher im Rahmen der Lotsenarbeit begleitet haben, sind etwa 700 dauerhaft abstinent und fest in der Selbsthilfe verankert“, machte Hübner den Erfolg des Projektes deutlich.

Ein weiteres Leuchtturm-Kooperationsprojekt stellten Dr. Melissa Beirau, Chirurgin am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) und Sylvia Wehde, Leiterin des Amputierten-Treffpunkts Berlin-Brandenburg, gemeinsam vor. Im ukb erhalten frisch operierte Patienten nach einer Amputation neben der ärztlichen auch eine sogenannte Peerberatung: Menschen aus der Berliner Selbsthilfegruppe, die selbst bereits eine Amputation hinter sich haben, besuchen die Patienten möglichst noch am Krankenbett. „Früher hatte ich bei meinen Gesprächen oft das Gefühl, keinen richtigen Zugang zu den Patienten zu finden“, so Beirau. Mit dem Projekt „Peers im Krankenhaus“ habe sich die Situation komplett geändert. „Die Betroffenen fühlen sich nun ernst genommen und auf Augenhöhe beraten.“

Am Schluss lobte Claudia Schick die Vertreter der Selbsthilfeorganisation für ihr unermüdliches ehrenamtliches Engagement und versprach, dass die AOK auch bei der Erweiterung ihrer Aufgabenspektren ein starker Partner für die Selbsthilfe bleiben wird.

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Otmar Müller ist freier Journalist in Köln mit dem Schwerpunkt Gesundheitspolitik.
Bildnachweis: Timo Blöß/KomPart
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